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GOEREME SS 1996 FACHGEBIET: THEORIE, GESCHICHTE UND KRITIK DER ARCHITEKTUR CHIH-HSING SHEN and M. ERAY OEZKANINHALTSVERZEICHNIS Einleitung Uebersichtsplan der Umgebung von Goereme Die Geographische Lage und Geomorphologie Goeremes Natuerliche Voraussetzungen des Siedlungsraums Klima Boden Wasserversorgung Siedlungsgeschichte Das Christentum in Goereme Fruehchristentum Byzantinismus Architektur des Christentums Wandmalerei des Christentums Zentren des Christentums: Goereme Zelve Cavusin Avcilar Uerguep Siedlungsbild im heutigen Goereme Die tuerkischen Hoehlenhausbewohner in Goereme Die Bedeutung des Tuffs als Baumaterial Raumplanerische Merkmale der Hoehlenwohnungen Konstruktion Wohn- und Nebenraeume Literaturverzeichnis ¡@ Einleitung Das zentralanatolische Hochland um Goereme uebt allein aufgrund seiner bizarren Geomorphologie eine grosse Anziehungskraft auf den Besucher aus und verstaerkt diese noch mit einer siedlungshistorischen Entwicklung, die vor allem durch Naturbezogenheit und Anpassungsfaehigkeit gekennzeichnet ist. Hiermit ist in erster Linie die Bautaetigkeit der Christen gemeint, deren ortsangepasste Hoehlenarchitektur den Charakter der Region in starkem Masse mitbestimmt und zwar unter Beruecksichtigung der harmonischen Beziehung zur Umgebung. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich in und um Goereme eine grosse Zahl kuenstlich gestalteter Hoehlenwohnungen, Moenchsklausen, Kirchen- und Kloester, die in idealer Weise an die klimatischen, oekologischen und oekonomischen Gegebenheiten angepasst sind. Wegen der grossen Bedeutung der Christen fuer die Wohn- und Lebensweise in Goereme bis in die Gegenwart, wird die historische Entwicklung des Christentums, neben der Erwaehnung im Abschnitt Siedlungsgeschichte, im Kapitel Christentum in Goereme noch einmal differenzierter beschrieben werden. Waehrend fuer uns im oben genannten Kapitel die Einbeziehung auch der benachbarten Ortschaften um Goereme von Bedeutung ist, um die Ausdehnung und Leistung der christlichen Hoehlenarchitektur anhand historisch bedeutsamer Bauwerke deutlich zu machen, moechten wir uns beim zweiten Schwerpunkt unseres Essays, im Kapitel Die tuerkischen Hoehlenhausbewohner in Goereme, speziell auf die Ortschaft Goereme beschraenken, um die gegenwaertige Wohnweise der durchschnittlichen Bevoelkerung in Goereme zu veranschaulichen. Trotz der zeitlichen Differenz und der Unterschiede in Religion und Ethnie ermoeglicht das heutige Goereme, aufgrund der Beibehaltung des doerflichen Charakters, dem Besucher auch eine Assoziation und Vorstellung der Lebensweise christlicher Gemeinschaften, welche ohne Zweifel den tuerkischen Bewohnern als Grundlage und Vorbild fuer ihre Hoehlenwohnungen dienten. In den Abschnitten Konstruktion und Wohn- und Nebenraeume werden nicht nur die einzelnen Bauelemente und Raeume beschrieben, sondern auch grob die Lebensgewohnheiten der Bewohner nahegebracht. Die vorliegende Abhandlung sollte nicht als Gegenueberstellung der christlichen mit der moslemischen Architektur missverstanden werden, da die beschriebenen Kapitel grundsaetzlich verschiedenen Zielsetzungen folgen. Waehrend beim Christentum die Darstellung der Sakralbauten im Vordergrund steht, geht es bei den gegenwaertigen Hoehlenbauten um den Wohnungsbau. ¡@ Die Geographische Lage und Geomorphologie Goeremes Das Tal von Goereme liegt im zentralanatolischen Hochland, ca. 80 km westlich der tuerkischen Stadt Kayseri und besitzt deutliche geographische Grenzen durch die vulkanischen Ketten zwischen dem Erciyes Dagi (3916 m) im Osten und dem Hasan Dagi (3253 m) im Suedwesten, in die sich die Flusslaeufe des Kizilirmak im Norden, des Melendiz Suyu im Suedwesten und des Mavrucan im Suedosten eingeschnitten haben. Der Charakter, dieser durch Vulkanausbrueche entstandenen Landschaft, zeichnet sich durch einen ausgepraegten Formenreichtum in den zerkluefteten Talschluchten und den aus der Huegellandschaft aufragenden Tuffkegeln und Felstuermen aus. Die wichtigste Voraussetzung fuer die Entstehung dieser bizarren Landschaft mit einer Ausdehnung von etwa 25 km2 ist der Erciyes Dagi, der bei wiederholten Eruptionen breite Lavastroeme ueber die Haenge und Taeler ergoss, die sich in der darauf folgenden Phase zu mehreren Tuffschichten unterschiedlicher Dicke und Festigkeit erhaerteten. Den vulkanischen Ausbruechen folgte eine viele Jahrtausende lang einwirkende Erosion, die die weichen, weniger verdichteten Schichten rasch abtrug, waehrend die haerteren Tuffschichten durch sie deutlich langsamer verwittert wurden. Im Gebiet von Goereme fanden sich weichere Tuffschichten vor, die den Kraeften der Erosion nicht viel Widerstand entgegensetzen konnten, so dass die Einwirkungen von Wind und Wasser zu einer starken Verformung der Oberflaeche gefuehrt hat. Beguenstigt durch die grossen Gegensaetze des anatolischen Klimas mit heissen, langen Trockenperioden im Sommer und kalten Wintern mit starken Regen- und Schneefaellen, entstand im Laufe der Zeit ein weitverzweigtes System von Einbruchtaelern und tiefen Schluchten. Ein weiteres Charakteristikum dieser Region ist, neben der variationsreichen Formenvielfalt, der Farbenreichtum der Felsmassen, die durch Oxidationsprozesse je nach Gesteinsart zu unterschiedlichen Farbtoenen gefuehrt haben, wie z.B. das Violett der harten Andesite, das Ocker der flachen Haenge, das Weiss der Talflanken und Tuffkegel und das Schwarz der Basaltpfeiler. Trotz der Vielfaeltigkeit der Felsgebilde koennen einige wesentliche Erscheinungsformen, wie der Pyramiden-, der Zuckerhut-, der Obelisk- und der Turmform unterschieden werden. Nur die Gebilde, die durch einen massiven Felsblock oder durch eine feste Platte geschuetzt worden sind, haben sich bis in die Gegenwart erhalten. Ein besonderes Beispiel hierfuer kann man in Cavusin beobachten, wo sich durch die Form der schuetzenden Decke eine amphitheatralisch geformte Wand gebildet hat. Insbesondere in Goereme und in Zelve ist die morphologische Wandlung der Tuffelsen, von der vertikalen Zerlegung, ueber die Bildung von Kegelgruppen und einzelnstehender Kegel, bis zur vollstaendigen Erosion in der Talmuendung deutlich zu verfolgen. ¡@ Natuerliche Voraussetzungen des Siedlungsraums Klima Kappadokien wird als Teil Zentralanatoliens durch das Kontinentalklima beeinflusst, welches sich durch heisse, regenarme Sommer und kalte, nicht selten schneereiche Winter auszeichnet. Die grossen, jahreszeitlich bedingten Temperaturunterschiede spielen bei der Nutzung und der Wahl der Behausungstypen eine entscheidende Rolle. Hier erweisen sich die Vorteile einer massereichen Bauweise, die durch ihren akkumulierenden Effekt starke klimatische Schwankungen ausgleicht. Die Jahrestemperatur liegt bei durchschnittlich +11, wobei die Temperaturen im Winter auf unter -20 fallen koennen, im Sommer aber haeufig auf ueber +35 im Schatten steigen. ¡@ Boden Die fuer Goereme typischen morphologischen Strukturen sind Folge jahrtausendelanger Erosion, bei der sich die vulkanischen Ablagerungen des Vulkans Erciyes Dagi zu bizarren Pyramiden- und Kegelgebilden formten. Das Gestein besteht aus unterschiedlichen Schichten vulkanischer Asche, die ueber Jahrtausende zu festem Tuff komprimierten. Dieses relativ leichte und daher gut zu bearbeitende Gestein bietet eine ideale Voraussetzung fuer die Gestaltung von Hoehlen mit einfachsten Mitteln. Auch fuer die Fruchtbarkeit der Region ist der Tuff von Bedeutung. Als mineralreiches, leicht Wasser bindendes Verwitterungsprodukt bietet dieser Boden vor allem auch in Kombination mit dem schon in byzantinischer Zeit gebraeuchlichen Taubenmist eine optimale Grundlage fuer den Anbau vieler Nutzpflanzen. Die Hochschaetzung des Taubenmists als Mittel gegen eine Erschoepfung der landwirtschaftlich genutzten Boeden wird insbesondere durch die in der Region ueberall zu findenden Taubenschlaege im Fels deutlich, die speziell fuer diesen Zweck geschlagen wurden. ¡@ Wasserversorgung Obwohl in Zentralanatolien im Sommer kaum Niederschlaege fallen, ist die Wasserversorgung in Goereme prinzipiell das ganze Jahr ueber gesichert. Durch die Naehe des Flusses Kizilirmak ist garantiert, dass sich in einigen Brunnen in den tieferen Lagen der Ortschaft Goereme stets Grundwasser findet. Dieses Wasser ist jedoch trueb und zum Trinken nicht geeignet. Es wird mit Handhebelpumpen an die Oberflaeche gebracht. Daneben verfuegt die Ortschaft ueber mehrere Frischwasserquellen. Im Ort wird das Wasser der Quellen mit besonders hoher Wasserqualitaet zu Wasserstellen geleitet, die oft schmuckvoll gefasst und mit einem Wasserhahn versehen sind. Ferner existiert seit einigen Jahren eine zentrale Wasserversorgung, die ueber ein kleines Pumpwerk Wasser aus dem am Kizilirmak liegenden Staedtchen Avanos herbeigefuehrt. An dieses System ist beinahe jeder Haushalt meist mit einer Zapfstelle im Innenhof angeschlossen. Durch den ueberdurchschnittlich hohen Wasserbedarf der in der Ortschaft verweilenden Touristen blieben vor allem die hoeher gelegenen Haushalte in der Regel im Sommer ohne fliessend Wasser. Diese Situation wurde jedoch 1986 durch den ergaenzenden Anschluss eines eigenen Tiefbrunnens erheblich verbessert. Neben dieser zentralen Wasserversorgung gibt es im Ort und in der Umgebung etliche unterirdische Hoehlenreservoirs, die in der regenreichen Zeit im Fruehjahr meist ueber lange Kanaele mit Regenwasser gespeist werden. Solche Zisternenanlagen stammen haeufig noch aus fruehchristlicher Zeit und dienen primaer der Bewaesserung der Felder. ¡@ Siedlungsgeschichte Seit wann erstmalig Hoehlenwohnungen in Goereme genutzt wurden, laesst sich aufgrund fehlender konzentrierter Forschung kaum mit Sicherheit ermitteln. Goereme liegt in einer Gegend, die schon im fruehen Neolithikum, also bereits 7000 v. Chr., ein bedeutsames Kulturzentrum darstellte. Siedlungsfunde westlich von Goereme, aus Catal Hueyuek bei Konya und aus Asikli Hueyuek nahe Aksaray, die auch in der Umgebung von Goereme vorkommen, lassen darauf schliessen, dass das Tuffgebiet von Goereme bereits zu dieser Zeit bekannt gewesen ist. Seit der spaeten Bronzezeit, etwa der Zeit um 1600 v. Chr., bluehte in Zentralanatolien die Kultur der Hethiter, welche ein halbes Jahrtausend grossen Einfluss auf die umliegenden Voelkerschaften ausgeuebt haben. Obwohl auch die Hethiter mancherorts Hoehlenraeume aus dem Fels gestalteten, finden sich doch aus dieser Zeit noch keine eindeutigen Beweise fuer eine Hoehlenkultur in der Region Goereme. Nach 1200 v. Chr. kam es im Zusammenhang mit dem Einbruch der „Seevoelker¡§ zu Voelkerbewegungen in Kleinasien, aus denen dann in Zentralanatolien die Phryger als politische Macht hervorgingen. Manche Vermutungen besagen, dass bereits zu jener Zeit gewaltige unterirdische Stadt- und Verteidigungsanlagen mit mehreren Stockwerken und laby-rinthartigen Zugaengen, welche hermetisch gegen aeussere Einwirkungen verschlossen werden konnten, als Bollwerk gegen die nach Zentralanatolien eindringenden Assyrer geschaffen worden seien. Tatsaechlich waeren jene Anlagen aufgrund eigener Brunnen und Vorratsraeume, sowie eines ausgekluegelten Belueftungssystems fuer solch eine Funktion sehr geeignet gewesen. Aber auch zum Schutz vor Feuer, etwa bei den zu jener Zeit konstanten Bedrohungen durch die Vulkane Erciyes Dagi und Hasan Dagi, haetten solche unterirdischen Hoehlenanlagen gute Dienste leisten koennen. Als dann in spaetere Zeit zunehmend Truppen des aufbluehenden Archaemenidenreiches in dieses Gebiet eindrangen, entstanden auch in dem Vulkangebiet um den Erciyes Dagi parsische Magiergenossenschaften, die Feuerdienste leisteten und Opfer in Hoehlen darbrachten. Die eigentliche Phase einer intensiven Besiedlung der Region Goereme setzte im ersten nachchristlichen Jahrhundert ein, als Askese uebende und Einsamkeit suchende christliche Eremiten aus den von dem Apostel Paulus christanisierten Caesarea in die unzugaenglichen Taeler von Goereme zogen, um dort ein gottgefaelliges Anachoretenleben zu fuehren. Es duerften jedoch nur wenige gewesen sein, die einsam in den weitlaeufigen und unzugaenglichen Taelern auch die Anfaenge des spaeter hochkultivierten Gartenbaus begruendeten. Diese fruehen Eremiten werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach nahe von Suesswasserquellen ihre bescheidenen Hoehlenklausen gegraben haben. Ihnen lag der Gedanke an Verteidigung und Schutz vor feindlichen UEberfaellen noch fern, und daher wurden diese einfachen Behausungen ohne Schutzvorrichtungen angelegt. In den folgenden Jahrhunderten kamen dann immer mehr christliche Gruppen aufgrund der Neuordnung der Kirche in Caesarea unter den Kirchvaetern Basilius dem Grossen, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz nach Goereme, um dort ein mystisch orientiertes Leben zu fuehren. Damit begann nun auch die Zeit der Klostergemeinschaften, und die Epoche der Einzelaskese ging ihrem Ende zu. Seit 574 n. Chr. fielen verstaerkt persische Gruppen ein und eroberten im Jahr 605 die Stadt Kaisareia. Somit gewann ein neuer Aspekt der Siedlungsweise der Christen an Bedeutung. Immer mehr Glaubensbrueder aus den umliegenden Regionen fluechteten ins Gebiet um Goereme. Die Hoehlenanlagen wurden nun unter verteidigungsstrategischen Gesichtspunkten konzipiert, wobei viele Hoehlenraeume mit verschliessbaren Tunnels und Fluchtschaechten ausgestattet und neue unterirdische Depots und Zisternen angelegt wurden. Wahrscheinlich stammt auch ein Grossteil der oben erwaehnten unterirdischen Stadtanlagen in ihrer jetztigen Form aus dieser Zeit. Viele dieser Hoehlenanlagen waren untereinander weitlaeufig verbunden, so dass fremde Eindringlinge kaum eine Chance gehabt haben duerften, die sich dort verborgen haltenden Menschen zu ueberwaeltigen oder gar durch eine Belagerung zur Aufgabe zu zwingen. Als seit 642 n. Chr. auch arabische Gruppen in das Gebiet eindrangen, blieben die Fluchtanlagen weiterhin von aktueller Bedeutung. Doch auch waehrend des sogenannten grossen Bilderstreits 726-842 n. Chr. war ein unauffaelliges Wohnen in den abgelegenen Hoehlen ein wichtiger Schutz fuer Moenchsgemeinschaften, deren religioese UEberzeugung von der herrschenden Meinung abwich. So lebten drei Jahrhunderte lang christliche Glaubensgruppen, haeufig auf Tarnung und Verteidigung bedacht, in speziell fuer diese Zwecke konzipierten Hoehlenbehausungen. Ein ebenfalls wichtiges Element dieser byzantinisch-christlichen Hoehlenkultur ist die in ihrer Art einmalige Erschaffung der kunsthistorisch bedeutsamen Hoehlenkirchen, die Elemente der byzantinischen Sakralarchitektur mit denen der Hoehlenbauweise verband. Diese Hoehlenkirchenarchitektur gehoert zu den bekanntesten und am besten erforschten kulturellen Zeugnissen von Goereme. Sie ist einer der Hauptgruende fuer das seit Jahren zunehmende touristische Interesse an dieser Region. Schon gegen Ende des vierten nachchristlichen Jahrhunderts entstanden die ersten dieser Hoehlenkirchen, die in den folgenden Jahrhunderten vom Stil der verschiedenen Arten der byzantinischen Sakralarchitektur gepraegt wurden. Meist sind diese Hoehlenkirchen nach einem kreuzfoermigen Grundriss angelegt, haben eine oder mehrere Kuppeln, Tonnengewoelbe oder Flachdecken, Formen, die haeufig miteinander kombiniert werden. Oftmals wurden sogar Altar, Taufstein, Fresken, Saeulen und Sitzbaenke aus dem Fels geschlagen. Es bildete sich in Goereme kein eigener Kirchentyp heraus, jedoch sollte die Variationsbreite der verschiedenen Zwischenformen von einfacher Hoehlenbauweise und statisch unbedeutender Kuppel- und Saeulengestaltung erwaehnt werden, die sich nur in solch einer Hoehlenbauweise herausbilden konnte. Mit Beginn des achten Jahrhunderts wurden viele dieser Hoehlenkirchen mit einfachen geometrischen Mustern und spaeter durch hochentwickelte Freskenmalereien ausgeschmueckt, die bis heute vielfach erstaunlich gut erhalten sind, sofern sie nicht durch Menschen mutwillig zerstoert wurden. Alle Kirchen und Kapellen sind in ihrer Art und Groesse Beispiel fuer die Zweckorientiertheit dieser Sakralbauten, wobei groessere und reichere Klostergemeinschaften groessere und ueppigere Hoehlenkirchen gestalten konnten als kleinere Gruppen einzelner Moenche. Das Jahr 1071 stellte durch die Schlacht von Manzikert, in der die aus Zentralasien ueber Persien eindringenden Seldschuken unter der Fuehrung von Arp Arslan die byzantinischen Truppen des Kaisers Romanos IV vernichtend schlugen, einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte Anatoliens dar. In immer neuen Schueben draengten diese tuerkischen Gruppen nach Anatolien und konnten so ihren Einfluss auf Kleinasien letztlich ungehindert ausbreiten. Obwohl die Seldschuken in Glaubensfragen als toleranter galten als die in den Jahrhunderten vorher eingedrungenen Perser und Araber, war damit doch die Bluetezeit des Cristentums in den Hochtaelern Goeremes zu Ende; viele der dort lebenden Moenche zogen nach Westen, um dort neue Klostergemeinschaften ausserhalb des islamischen Herrschaftsbereich zu gruenden. In der Folgezeit verfiel die christliche Kultur in Goereme immer mehr. Statt der Klostergemeinschaften bewohnten nun christliche Bauern das Gebiet von Goereme, die sich im Laufe der jahrzehnte mit zuwandernden griechischen und armenischen Christen mischten. In Folge einer mongolischen Invasion unter Gueyuek, einem Enkel Tschingis Khans, im Jahr 1243 wurde das seldschukische Reich geschwaecht, und andere tuerkische Dynastien konnten ihre Macht ausdehnen. Um die Wende des Jahres 1300 begann die Epoche der Osmanen, das neue Reich festigte sich. In den folgenden Jahrhunderten wurden viele der vorher nomadisierenden Gruppen sesshaft, so auch in den Taelern von Goereme. Die Tuerken uebernahmen teils die alten leerstehenden Hoehlenwohnungen abgewanderter Christen, wandelten diese ihren Beduerfnissen entsprechend um, bauten eigene Wohnhoehlen oder gliederten neue Hausfassaden an die ehemals unauffaelligen oder getarnten Behausungen an. So entstanden Haus-Hoehlen-Agglutinate, wobei Stil- elemente der sich sonst in Kappadokien entwickelnden Haustypen in ihre Bauweise uebernommen wurden. Diese Konzeption der Wohnweise unterscheidete sich wesentlich von der der Christen. Waehrend Letztere ueber Jahrhunderte ein enges Miteinanderleben in kloesterlichen Gemeinschaften pflegten, wobei viele der Raeumlichkeiten als Durchgangsraeume konzipiert waren, bildete fuer die traditionellen Tuerken ein jedes Zimmer eine Einheit fuer sich, welche nur von aussen her zugaenglich und niemals mit einem Nebenraum verbunden war. In der Folgezeit lebten dann jahrhundertelang christliche und moslemische Gruppen in den selben Ortschaften, wenn auch in separaten Ortsvierteln, nebeneinander. Nach dem tuerkischen Freiheitskrieg verliessen in Folge des griechisch-tuerkischen Bevoelkerungsaustausches 1923 die letzen orthodoxen Christen ihre Hoehlenwohnungen in Goereme und zogen nach Westen. Hiermit endete die Zeit der christlichen Besiedlung Goeremes nach ca. 1850 Jahren. Seitdem leben fast ausschliesslich Tuerken in Goereme. ¡@ Das Christentum in Goereme Fruehchristentum Fuer die Existenz christlicher Gemeinden in Kappadokien im 1. Jahrhundert liegen zwar keine ausfuehrlichen Informationen vor, diese erscheint aber aufgrund der UEberlieferung einer relativ grossen Anzahl christlicher Gemeinden aus dem 2. Jahrhundert wahrscheinlich. Das Moenchsleben in Askese und die lockere Bindung Ungetaufter an die Kirche waren zwei christliche Stroemungen im Tal von Goereme, die den Anspruch der Kirche als Mittlerin zwischen Gott und dem Menschen in Frage stellten. Diesen Stroemungen versuchte Basilius, der Bischof von Kaisareia, durch Organisation der kirchlichen Aufgaben entgegenzuwirken. Konsequente Schriftauslegung, Armenhilfe, Ordnung des Moenchtums und die Festlegung der Liturgie wurden als Mittel genutzt, um eine einheitliche Fuehrung und Organisation zu ermoeglichen. Die Bestrebungen des Basilius wurden spaeter von Gregor von Nazianz und von Gregor von Nyssa, dem juengeren Bruder des Basilius fortgefuehrt. Sie trugen dazu bei, dass das ganze theologische und geistige Denken des Christentums in jener Zeit, sofern es den Mittelmeerraum betraf, durch Kappadokien gepraegt wurde. Fast alle theologischen Problemstellungen erhielten aus dem Kappadokien des 4. Jahrhunderts zumindest Loesungsversuche. Das Moenchsleben in Askese hatte aber weiterhin Bestand und weist auf die Bedeutung der geographischen Lage fuer die geistesgeschichtliche Entwicklung des Christentums, insbesondere des Moenchtums in Kappadokien. Menschen, die die Erfuellung eines christlichen Lebens in der Einsamkeit suchten, errichteten ihre Kultstaetten, Kloester und Wohnungen in der ausgedehnten Tufflandschaft und schufen so eine Gemeinschaftsbildung, die ohne kirchlich institutionelle Gemeinschaften bestand. Die Topographie dieses unwegsamen und zerkluefteten Gebietes ermoeglichte den Moenchsgemeinden ein Leben in Zurueckgezogenheit und den dazu notwendigen Schutz vor einer zentralen und straffen Organisation durch die institutionelle staatliche Kirche. ¡@ Byzantinismus Zum Ende des 4. Jahrhunderts wuchs der Einfluss der christlichen Bewegung soweit, dass sie schliesslich als Staatsreligion neben das traditionelle Kaisertum trat und mit dem Namen Byzanz jene neue Konstellation verdeutlichte. Den Bruch zum westroemischen Reich liess das byzantinische Reich mit der Entfaltung einer eigenen Kultur erkennen. Unter der Herrschaft Kaiser Justinian (527-525) erfuhren alle anatolischen Provinzen, so auch Kappadokien eine Periode des Wohlstandes und der Sicherheit. Byzanz erweiterte seine Herrschaft auf ganz Kleinasien, Transkaukasien und Gebiete des westlichen Mittelmeeres. Kurz nach dem Tod Justinians im Jahr 605 wurde die kappadokische Stadt Kaisareia von persischen Truppen erobert. Im 7. Jahrhundert kam Kappadokien die Rolle als Grenzprovinz und Vorposten des byzantinischen Reichs gegen arabische Armeen zu. Auf den staendigen Wechsel der Machtverhaeltnisse reagierte die christliche Bevoelkerung mit Fluechtlingsbewegungen bzw. mit dem Rueckzug in Fluchtburgen, versteckte Hoehlen und unterirdische Staedten, wie z.B. Derinkuyu, Cardak, Kaymakli und OEzkonak. Die Eingaenge der unterirdischen Staedte konnten mit schweren Rollsteinen verschlossen werden und Loecher wurden fuer Speere zum Verteidigungszweck im Boden und in den Waenden der schmalen dunklen Gaenge vorgesehen. Auch die Moenche und Eremiten zogen sich, ausreichend mit Wasser und Nahrungsmittel versorgt, in ihren Wohnanlagen und Fluchtraeumen tief in den Felsen zurueck. In der Zeit des Bilderstreits im 8./9. Jahrhundert waren die meisten Moenche Kappadokiens als Bilderverehrer der Verfolgung ausgesetzt, wobei zahlreiche Moenche ihr Leben verloren. Mitte des 9. Jahrhunderts mit der Beendigung des Bilderstreites verbesserte sich die Lage der Bevoelkerung. Im 10. und 11. Jahrhundert eroberte das byzantinische Reich Palaestina und Mesopotamien und fuehrte so Kappadokien in das geographische Zentrum seines Machtbereichs. Kaisareia spielte als Handels- und Militaerstadt eine wesentliche Rolle und entwickelte sich zur bedeutendsten Stadt in Mittelanatolien. Doch im Jahr 1071 besiegten die Seldschuken unter Arp Arslan in der Schlacht von Manzikert die Byzantiner unter Romanos IV, besetzten die oestlichen Provinzen. Die Niederlage stellte gleichzeitig das Ende der byzantinischen Herrschaft ueber Kappadokien dar. Unter der Herrschaft der Seldschuken entwickelte sich eine freundschaftliche Koexistenz zwischen Christen und Mohammedanern, welche ueber die gesamte Herrschaftszeit der Seldschuken anhielt. Im Jahr 1304 wurde der seldschukische Sultan Mas’ud II. im Kampf gegen die Mongolen getoetet und die Seldschuken geschlagen. Unter der mongolischen und osmanischen Herrschaft schliesslich wurden die Hoehlenbehausungen in Goereme von den Christen verlassen. ¡@ Architektur des Christentums Die Felswaende und Pyramidenkegel wurden ausgehoehlt, in Behausungen, Graeber, Kloester, Kapellen und Kirchen umgewandelt. Die kleinsten Pyramidenkegel enthalten meist nur eine einzige Klause, die groesseren mehrere, in Etagen uebereinander angelegte Behausungen, deren Luft- und Lichtloecher bis zur Spitze hinaufreichen. Fast alle Raeume und Zellen sind nur mit muehevoller Kletterei erreichbar. Durch ein kompliziertes System von niedrigen, versteckten und leicht versperrbaren Eingangsloechern mit unbequemen Treppen, von Durchgaengen und OEffnungen, die man nur gebueckt durchkriechen kann, durch meterhohe Steigschaechte, bei denen Trittstufen in den Waenden den Aufstieg ermoeglichen, ueber immer neue Wendelsteige hinweg und durch enge und engste Durchschluepfe kriechend, kann man schliesslich die einzelnen Klausen erreichen. Heute, da nur noch die nackten Waende der Zellen mit ihren aus dem Stein herausgeschnittenen Nischen, Sitz- und Liegebaenken zu sehen sind, wirken diese Wohnraeume weit einfacher und bescheidener, als sie es wohl zur Zeit der Benutzung durch die Eremiten gewesen sind. Unter den Kirchen der Taeler von Goereme, die in einer Art Negativarchitektur aus dem Felsen geschlagen sind, finden sich einfache Kapellen, regelrechte Basiliken sowie Kirchen mit einem kreuzfoermigen Grundriss und einer oder mehreren Kuppeln. Die Flachdecken, die haeufig mit grossen Reliefkreuzen geschmueckt sind und die Tonnengewoelbe bestehen aus gewachsenem Fels. Nach aussen treten diese Hoehlenkirchen nur wenig in Erscheinung. Meist fuehrt eine rechteckige Tuer in das Innere, und oft erkennt man ueber dem Eingang noch ein halbrundes Tympanon. Eine Ausnahme bilden die Fassaden, der als Nartex gebildeten Vorhalle der Karanlik Kilise in Goereme. Ihre typischen Elemente sind Giebelprofile ueber Rundbogen und zu einem Fries geordnete schluessellochfoermige Blendarkaden, welche aus der orientalischen-iranischen Architektur entlehnt sind. Sehr viel reicher und vielfaeltiger als die Aussenfronten sind die Innenraeume der Felskirchen ausgearbeitet, die sowohl in den Grundrisstypen als auch in den architektonischen Details saemtliche Formen der fruehchristlichen und byzantinischen Kirchenarchitektur widerspiegeln. Die haeufigste und zugleich einfachste Form ist die einschiffige Kapelle oder Basilika, die aus einem rechteckigen Raum mit einer halbrunden Apsis und dem gegenueberliegenden Eingang besteht. Je nach Groesse des Naos sind bis zu drei Apsiden moeglich, mit denen das grosse Taubenhaus von Cavusin ausgestattet ist. Im allgemeinen werden diese schlichten Kapellen und Kirchen von einer Laengstonne berwoelbt, nur in der Theodor-Kirche bei UErguep und in der St. Stephanos-Kirche im Archangelos-Kloster bei Cemil wurden flache Felsdecken vorgesehen. Bei einer Reihe dieser Kirchen wurde das urspruengliche Bauvolumen nachtraeglich durch eine Saeulenhalle oder ein Parekklesion erweitert. Das Parekklesion ist zumeist architektonisch nicht ausgeschmueckt und dient als Grabraum, wie z.B. in der St. Theodor-Kirche bei UErguep oder in der St. Barbara-Kirche im Tal von Goereme. Spaetere Umbauten haben bei einigen Kirchen sogar durch eine Verbindung des Naos mit dem Parekklesion zu einer zweischiffigen Anlage wie bei der Kirche der 40 Maertyrer in Sahinefendi gefuehrt. Einer zweiten Gruppe von Felsenkirchen sind die querrechteckigen Kirchen zuzurechnen, die sich von den bereits beschriebenen Kirchen durch groessere Ausmasse und feinere Ausschmueckungen unterscheiden und in der Regel ueber drei Apsiden verfuegen. Zu diesen Kirchen mit Querschiff gehoert neben einer grossen Zahl von Kapellen in Goereme und der Kirche zu den drei Kreuzen in Guellue Dere auch die Tokali Kilise in Goereme. Hinter dem tiefen Atrium einer aelteren Anlage liegen das Querschiff mit der Krypta und dem breit angelegten Dreiapsidenabschluss und ein im Norden angefuegtes Parekklesion. Dem monumentalen Ausbau entspricht auch die reiche Wandgliederung mit Pilastern. Arkaden, Gesimsen und der von zwei Gurtboegen unterzogenen Quertonne. Mit der Teilung des Naos durch eine Pfeilerarkade ist bei der Sakli Kilise in Goereme ein zweischiffiger Raum entstanden. Den dritten wichtigen Typus in der christlichen Felsarchitektur von Goereme verkoerpert die kreuzfoermige Kirche, eine fuer ganz Kleinasien charakteristische Bauform. Hier lassen sich vier verschiedene Auspraegungen aufzeigen: Kreuzfoermige Kirchen, in denen die Apsis ohne dazwischen geschalteten oestlichen Kreuzarm direkt am Mittelquadrat ansetzt. Durch Nebenraeume verschiedenster Art kann dabei die reine Kreuzform stark verfremdet werden, so dass sie oft auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen ist. Zur zweiten Gruppe gehoeren die rein kreuzfoermigen Kirchen, in denen von einem Zentralraum zumeist nur kurze Kreuzarme ausgehen. Der oestliche Kreuzarm bildet die UEberleitung zur Apsis. Die dritte Gruppe der kreuzfoermigen Kirchen in Kappadokien wird nur durch ein Bauwerk, den Trikonchos von Tagar, repraesentiert. Diese Kirche gehoert aufgrund ihrer Masse von 13,75 m auf 11,15 m zu den bedeutendsten Werken christlicher Felsarchitektur. Die vierte und bedeutendste Gruppe bilden die zahlreichen Kreuzkuppelkirchen, von denen hier mit der St. Barbara-Kirche, der Carikli Kilise, der Elmali Kilise, der Karanlik Kilise und der Kiliclar Kilise in Goereme, der Cambazli Kilise in Ortahisar, der Sarica Kilise in Kepez sowie der Klosterkirche von Eski Guemues nur die bekanntesten genannt wurden. Diese Kirchen, mit zwei oder vier stuetzenden Saeulen ausgearbeitet, waren nach grosszuegigen und weitraeumigen Plaenen erstellt worden und hielten den Vergleich mit ein- und zweikuppeligen Kirchen der Hauptstadt Konstantinopel stand. Mit den verschiedensten Zusammenstellungen von Tonnen-, Kuppel-, Kreuzgewoelbe und Flachdecken und vielen zufaelligen oder beabsichtigten Unregelmaessigkeiten verdeutlichen diese grossen Felsbauten das Vertrauen der byzantinischen Steinmetze in die Tragfaehigkeit des weichen Tuffgesteins und die vielfaeltigen Moeglichkeiten der architektonischen Formen der Felsarchitektur. Den notwendigen Spielraum fuer ihre Variationsfreude erhielten die Baumeister durch die gute Statik der negativen Tuffsteinarchitektur. Die kappadokische Hoehlenarchitektur entwickelt, wie an den genannten Beispielen deutlich wird, keine eigenstaendigen Architekturformen, sondern reproduziert die vorhandenen Bautypen und variiert die bekannten Grundrisse. Bei der zeitlichen Betrachtung der Kirchen wird deutlich, dass sich die Kirchentypen nicht gegenseitig abgeloest haben, sondern alle im 8./9. Jahrhundert schon entwickelt waren. Daher liegen die einschiffigen, archaischen Kirchen zeitlich nicht unbedingt vor den grossen und reich geschmueckten Kreuzkuppelkirchen. Der Raumtyp wurde wahrscheinlich vom Verwendungszweck bestimmt, so dass eine Kapelle fuer eine Einsiedelei oder eine kleine Klostergemeinschaft, eine Kreuzkuppelkirche eventuell fuer eine grosse Moenchsgemeinschaft geplant wurde. Wandmalerei des Christentums Ausfuehrliche Auskuenfte ueber technische Aspekte der Malerei geben im Gegensatz zum Westen, wo die UEberlieferung bis in das fruehere Mittelalter zurueckreicht, in Goereme nur sehr spaete Handschriften. In dem bekanntesten Werk, dem „Malerbuch vom Berge Athos¡§ werden in einer Art Werkstattbuch in knappen Anweisungen die einzelnen Phasen der Malerei „al fresco¡§ erlaeutert, einer Technik, bei der die Wasserfarben auf den frischen und noch nassen Kalkmoertelgrund aufgetragen werden. In dieser Anleitung zur Wandmalerei wird jeder Arbeitsprozess von der Anfertigung der Pinsel ueber die Zubereitung des Putzes, das Auftragen des Putzes in verschiedenen Schichten, die Anfertigung der Skizzen und die Bereitung der Farben beschrieben. Die meisten Wand- und Deckenbilder wurden jedoch in der „al secco¡§ Technik auf einem trockenen Untergrund gemalt, denn ueberwiegend ist ein Gipsputz verwendet worden, der rasch erstarrt und eine Malerei auf nassem Putz unmoeglich macht. Zudem gab es Unterschiede in der Zusammensetzung des Verputzmaterials und in den Bindemitteln. So beschrieben die Malerhandbuecher der byzantinischen Zeit verschiedene Techniken, daher finden sich 920/930 im Tal von Goereme zwei Secco-Techniken nebeneinander. Obwohl die bekannten spaeteren Malerhandbuecher diese Techniken nicht aufgenommen haben und nur Freskomalerei auf nassem Kalkputz empfehlen, spielte diese „al fresco¡§ Malerei in den Taelern von Goereme gegenueber der aus der griechisch-roemisch tradierten „al secco¡§ Technik zunaechst nur eine untergeordnete Rolle. Die Bilder im Gebiet von Goereme lassen sich vereinfacht in fuenf Zeitabschnitte einordnen. Die aelteste Gruppe fasst die Malereien bis zum Ende des Bilderstreits im Jahr 843 zusammen, wobei die vorherrschenden figuralen Darstellungen zumeist vor der Zeit des Ikonoklasmus (also vor 726) oder in der kurzen Phase der Wiedereinsetzung der Bilder (787-815) entstanden sind. Die fruehchristlichen Kuenstler vermittelten ihr Anliegen zunaechst ueberwiegend durch die Verwendung von Symbolbildern. Nach der ikonoklastischen Krise entwickelte sich ein Stil, indem erzaehlende Szenen vorherrschten, waehrend ornamentale Muster und vor allem die Vorherrschaft des Kreuzsymbols verschwanden. Vom Ende des Bilderstreits bis in die Mitte des 10. Jahrhunderts bewirkte das Moenchstum mit der reichen Ausschmueckung einen bedeutenden Aufschwung in der Malerei. In der naechsten Epoche, der Fruehzeit der makedonischen Renaissance bildete sich unter Verwendung von Vorlagen aus Konstantinopel in Kappadokien eine Kuenstlerschule. Parallel dazu herrschte eine zweite Richtung der Kirchenmalerei, in der volkstuemliche kappadokische Elemente mit orientalisierenden Ornamentformen verbunden wurden. Als eigene Kunstepoche gilt die Hochbluete der makedonischen Kunst, die sich vor allem durch die Verarbeitung neuer christlicher Motive von der Fruehzeit unterscheidet. Im 11. Jahrhundert verlor sich der volkstuemliche Stil und die letzte Epoche der Kirchenmalerei setzte ein. In dieser Epoche fuehrten grosszuegige Siftungen zur Vergabe der Auftraege an die „Kuenstlerpersoenlichkeiten¡§ jener Zeit. Diese vertraten, ausgestattet mit einem hohen Kunstverstaendnis, einen aristokratisch zu nennenden Stil. Sie orientierten sich zwar an den hauptstaedtischen Vorbildern, interpretierten sie aber auf eigene Weise. Mit der seldschukischen Eroberung Mitte des 11. Jahrhunderts setzte eine Entvoelkerung der Moenchskolonien aus den Gebieten ein, die den Verlust der handwerklichen Faehigkeiten zur Folge hatte. Lediglich wenige Werke, als Nachahmung aelterer Vorbilder entstanden noch im 13. Jahrhundert unter den Seldschuken. Goereme Der Talkessel von Goereme war das bauliche und geistige Zentrum der Moenchs- und Klostergemeinschaften Kappadokiens. Dies drueckt sich vor allem in der extrem hohen Dichte christlicher Sakralbauten aus. In fruehchristlicher Zeit war Goereme im Vergleich zu Matiana (Avcilar) oder Cavusin noch unbedeutend, daher laesst sich von den vielen Kirchen in Goereme nur eine in das 6./7. Jahrhundert datieren. Doch im 9./10. Jahrhundert entstanden bereits eine Vielzahl von zumindest kleinen Kapellen und Kirchen. „Bedeutende¡§ Klosterkirchen wurden erst im 11. Jahrhundert gebaut, unter ihnen an erster Stelle die drei Saeulenkirchen: Karanlik Kilise (dunkle Kirche), Carikli Kilise (baeuerliche Kirche) und Elmali Kirche (Kirche mit dem Apfel). Im selben Jahrhundert entstanden zahlreiche Kapellen, ein- und mehrschiffige Kirchen, einige mit Querschiff, andere nach dem Plan des freien Kreuzes und Kreuzkuppelkirchen. Viele besitzen bei der Bemalung eine reiche Thematik, wie z.B. die Meryemana Kilise, die St. Onuphrios-Kirche oder die St. Barbara-Kirche. Als das engere Tal von Goereme im 11. Jahrhundert vollstaendig „zugebaut¡§ war, entstanden auch in den Seitentaelern von El Nazar und Kiliclar dicht gedraengt zahlreiche Kirchen und Kloester. Waehrend sich die Kirchen des 10. Jahrhunderts in den beiden grossen Felskegeln im Nordosten und in der Tuffwand im Osten des Felskessels konzentrieren, ziehen sich die Kirchen des 11. Jahrhunderts dagegen von diesem frueheren Kirchenzentrum aus um das ganze Tal herum, um schliesslich auch vereinzelt in dessen engerer Umgebung aufzutreten. Nach der Machtuebernahme durch die Seldschuken bricht, trotz freundschaftlicher Koexistenz zwischen Christen und Seldschuken, im 11. Jahrhundert die Taetigkeit der Architekten und Kuenstler in Goereme ab. Zelve Abseits der Hauptstrassen liegt eski Zelve, das alte Zelve, im Zentrum von vier ineinanderfliessenden Schluchten. Es vermittelt dem Betrachter ein plastisches Bild einer byzantinischen Moenchssiedlung. Die Bevoelkerung wurde zu Beginn der fuenfziger Jahre nach yeni Zelve, das neue Zelve umgesiedelt. Zwei grosse Basiliken aus praeikonoklastischer Zeit stehen am Fuss der Steilhaenge. Darueber sind die schroffen Felswaende mit kleinen Kapellen und Klausen uebersaet, welche zum Teil schwer zu erreichen sind und meist als Schmuck ein in Stein geschlagenes Kreuz tragen. Auffallend ist die relativ grosse Zahl von praeikonoklastischen und ikonoklastischen Kirchen, von denen die letzteren den Vorschriften des Bilderverbotes folgend nur mit verschiedenen Varianten des Kreuzzeichens versehen sind. Da aber auch die praeikonoklastischen Kirchen kaum Bilderschmuck tragen, liegt die Vermutung nahe, dass die Moenche von Zelve die Bilderverehrung bereits vor Ausbruch des Ikonoklasmus ablehnten. Ein Beispiel hierfuer ist die UEzuemlue Kilise, die Kirche mit den Weintrauben, in welcher, ausser der Darstellung von Josef in der Apsis, nur Medaillons, umlaufende Ornamentbaender, Kreuz- und Fischsymbole, Palmen und Weintraubenornamente dargestellt wurden.Das langgestreckte Tal von Zelve, das durch eine schmale Felswand in zwei Haelften geteilt wird, wurde bis in das 15. Jahrhundert hinein von Christen und Mohammedanern je Talhaelfte bewohnt. ¡@ Cavusin Das nur wenig westlich von Zelve gelegene Dorf Cavusin wird von einer etwa 60 m hohen Felswand ueberragt, in die fast bis an die oberste Kante sehr viele Eremitenklausen eingelassen sind. Im Mittelpunkt der Einsiedeleien steht die Taeuferkirche, welche wahrscheinlich schon im 5. Jahrhundert errichtet wurde, womit sie die aelteste Kirche in der Umgebung von Goereme sein duerfte. In ihr wurde die Hand des Heiligen Hieronymus verehrt, der aus dem benachbarten Avcilar stammte. Dahinter verbirgt sich eine Hoehlenkirche zur Erinnerung an die Pilgerfahrt des Kaisers Nikephoros II. Phokas zu den Kloestern dieser Gegend im Jahr 964/965. Noch zum Bereich von Cavusin gehoeren zwei Taeler suedlich des Dorfes mit Namen Guellue Dere, der Fluss mit Rosen und Kizil Cukur, das roetliche Tal, deren Kirchen und Einsiedeleien sowohl von Cavusin als auch von Ortahisar nicht mehr als 2 km entfernt liegen. Die Kirche zu den drei Kreuzen in Guellue Dere und die Kirche des Saeulenheiligen Niketas in Kizil Cukur, die im Volksmund UEzuemlue Kilise genannt wird, repraesentieren den hier vorherrschenden Kirchentyp mit praeikonoklastischer Malerei und Skulptur. Am Talende von Kizil Cukur befindet sich die Hacli Kilise, die Kreuzkirche, in der man zwei Phasen der Ausgestaltung erkennen kann. Im Kirchenraum finden sich ikonoklastische Skulpturen im monumentalen Deckenkreuz und Gemaelde des 10. Jahrhunderts vor. ¡@ ¡@ ¡@ Avcilar Das byzantinische Matiana, welches armenische Christen spaeter Macan und die Tuerken erst in juengster Zeit Avcilar nannten, ist die Heimat des Heiligen Hieronymus, dessen Akten, die spaetestens zu Beginn des 7. Jahrhunderts verfasst worden sind, fuer die historische Topographie des Tales von Goereme aufschlussreich waren. Das auffaelligste Denkmal in dieser Felsenlandschaft ist das von einer roemischen Saeule ueberragte roemische Grab, das sich auf dem oestlichen Ufer des Macan Cayi befindet. Dieses Grab weist eventuell auf die antike Nekropole hin, die dann aber unter einem Teil des modernen Dorfes Avcilar liegen wuerde. Das byzantinische Matiana, das im 11. Jahrhundert zum Bischofssitz erhoben wurde, lag auf dem westlichen Flussufer inmitten fruchtbaren Kulturlandes. Waehrend fuenf Kirchen im Dorf oder nur wenige hundert Meter westlich davon liegen, erfordert lediglich die Karabulut Kilisesi, Kirche der schwarzen Wolke, zu Fuss eine halbe Stunde in suedliche Richtung. ¡@ Uerguep Das alte Osiana an der Durchgangsstrasse von Kayseri ueber Nevsehir nach Aksaray liegt am Fuss eines Berges, der die frueheren Wohnanlagen der Stadt beherbergt und schroff aus der Hochflaeche aufragt. Die vereinsamten christlichen Kloester und Baudenkmaeler befinden sich jedoch im umliegenden Gebiet, wie z.B. im 5 km entfernten Ortahisar, der hoechstgelegenen Siedlung diese Gebiets, wo man Harim Kilise (die heilige Kirche), Cambazli Kilise (die Kirche mit dem Seiltaenzer) und Kale (die Burg), welche die aelteste Siedlung von Ortahisar darstellt, besichtigen kann. Unterirdische Gaenge verbinden diese Burg mit der benachbarten Isa Kale (Jesus-Burg), zu der auch eine unterirdische Verbindung von der Harim Kilise vorhanden sein soll. Beide Burgberge dienten den Christen waehrend der Araberangriffe als Verstecke. Noerdlich von Ortahisar liegen die Eremitenklausen und die Kapelle des Niketas aus dem 7./8. Jahrhundert und im Suedosten ist die Kirche des Heiligen Theodor gelegen, die mit ihrer naiven Malerei im starken Kontrast zu den ausschliesslich nach byzantinischen Vorbildern gestalteten Bildwaende der meisten Kirchen von Goereme steht. Weitere Staetten, die in der engsten Umgebung von UErguep einen Einblick in die christliche Vergangenheit erlauben, sind die Kloster- und Kirchenanlagen von Kepez, unter denen eine grosse Kreuzkuppelkirche des 11. Jahrhunderts mit roten Strichzeichnungen von Voegeln, Tannenzweigen und anderen christlichen Symbolen herausragt und die Kirchen des Balkan Deresi nur wenige Kilometer suedlich von UErguep. Zur Umgebung von UErguep gehoert auch die Timios Stavros-Kirche, die Kirche vom Ehrwuerdigen Kreuz, welche auf einem Felssporn gelegen oberhalb des Tales von UEzengi Dere errichtet wurde. Eine weitere kunsthistorisch bedeutsame Kirche bei Sinassos traegt den Namen Tavsanli Kilise, die Kirche mit dem Hasen, die unterhalb des Fahrweges von Ortahisar ueber Ibrahim Pasa Koeyue nach Mustafa Pasa Koeyue liegt. Suedlich der Tavsanli Kilise, im Seitental von Gorgoli liegt das Archangelos-Kloster, das in idealer Lage an einer Quelle und einem heiligen Brunnen errichtet worden ist. Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um eine der aeltesten Klosteranlagen in Kappadokien. Zum Kloster gehoert noch die Kapelle des Heiligen Stephanos aus dem 7./8. Jahrhundert. ¡@ Siedlungsbild im heutigen Goereme Der alte Teil von Goereme, mit dem wir uns vor allem beschaeftigen moechten, umfasst die Hoehlenwohnungen an den suedlich und oestlich gelegenen Seiten des Tales, welches sich von der suedwestlich gelegenen Ortschaft UEchisar nach Norden zum Kizilirmak hin ausdehnt. Dieser Teil des Ortes ist durch ein kleineres Tal geteilt, welches von Suedosten nach Nordwesten verlaeuft. Am Muendungspunkt jenes kleinen Tals befindet sich das eigentliche Zentrum der Ortschaft, wo sich die grosse Moschee, verschiedene Laeden, Teehaeuser und die Stadtverwaltung von Goereme konzentrieren. Dieser Ortsteil Goeremes hat sich aus der alten byzantinischen Siedlung Matiana entwickelt, die von Christen bereits in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten angelegt wurde. Die Wahl des Siedlungsplatzes hatte verschiedene Gruende: Zum einen eignen sich die oertlichen Gegebenheiten wegen der unuebersichtlichen Anzahl von Tuffkegeln gut fuer eine versteckt angelegte Hoehlenortschaft, zum anderen sichern mehrere Quellen im Ortsbereich die Wasserversorgung der Bevoelkerung. Ebenso erweisen sich das Gestein und die Hanglage als sehr vorteilhaft fuer eine Ansiedlung dieser Art. Da durch die Hoehlenbauweise grosse Mengen an Schutt aus dem Abfallgestein anfallen, haben sich aus dem jahrhundertealten Aushub verschiedene terrassenaehnliche Flaechen gebildet, die heute zum groessten Teil mit Haeusern bebaut sind oder platzaehnliche Erweiterungen und Strassengrundlagen darstellen. Den gewachsenen Gelaendeverhaeltnissen entsprechend haben sich Wegesysteme herausgebildet, die haeufig dem natuerlichen Wasserabflusssystem folgen. Fast alle Hauptwege laufen aus den unterschiedlichen Richtungen dem Ortszentrum (merkez) zu. Das Wegesystem ist veraestelt, zwischen den Wegen finden sich immer wieder platzartige Erweiterungen, zahlreiche Abbiegungen, Knicke und Sackgassen, die zu den einzelnen Hauskomplexen fuehren. Die Siedlung entwickelte sich, ohne dass zentrale menschliche Planung eine Rolle spielte. Einzelne Haushaltszellen wuchsen zu Zellgefuegen (Ortsvierteln) zusammen und bildeten so auch zusammenhaengende Sozialeinheiten. Dieses Siedlungsgefuege gleicht der vegetativen Steuerung organischer Zusammenhaenge. Der Ort ist von Abkuerzungen und Pfaden durchzogen, die haeufig nur den unmittelbar ansaessigen Bewohnern bekannt sind. Vor allem seit dem Ausbau der Strassen wird auch die Talsohle von Goereme besiedelt, wobei vor allem im noerdlichen Teil der Ortschaft zunehmend der Neubau von Haeusern am Strassenrand Richtung Avanos vorangetrieben wird. Neue Siedlungsbloecke (yenievler) entstanden z.B. durch staatlich unterstuetzte Umsiedlungsprogramme, die fruehere Hoehlenbewohner betreffen und ihren angeblichen Grund in der Einsturzgefahr einiger baufaellig gewordener Behausungen haben. In neuer Zeit praegt auch der Tourismus einen wesentlichen Anteil der neueren Architektur am Rande der Strasse. Vor allem sind hier Souvenirlaeden, Onyxschleifereien, Restaurants und Pensionen zu nennen. Weitere Neubauten ausserhalb des alten Ortsteils wurden vor allem von zurueckkehrenden Arbeitsmigranten geschaffen, die ihr im Ausland erworbenes Kapital in prestigebetonenden Haeusern mit Vorgarten und Garage anlegen. Diese Tendenz der Neuansiedlung in Haeusern vornehmlich europaeischen Stils scheint sich in Zukunft noch zu verstaerken, zumal sich durch Darlehen der Zentralregierung in Ankara derartige Umsiedlungswuensche auch fuer kapitalschwaechere Familien leichter realisieren lassen. Der Grossteil der heutigen Ortschaft Goereme besteht aber weiterhin aus dem alten gehoehlten Teil, der nicht so stark durch ueberhaengende Felswaende bedroht ist wie die Nachbarortschaften. Hier wohnen noch viele Einheimische in Hoehlen oder Hoehlen-Haus-Agglutinate, die neben den meist zweigeschossigen Flachdachbauten kappadokischen Stils die charakteristischen Behausungsarten des alten Ortsteils ausmachen. Natuerlich haelt auch hier die Verwendung urspruenglich untypischer Baustoffe Einzug, so dass der klassische Charakter vieler Behausungen verloren geht. Insgesamt ergibt sich in Goereme ein Siedlungbild, welches ein Nebeneinander von Behausungsarten verschiedener Epochen darstellt, wobei manche Hoehlenwohnungen wahrscheinlich seit ueber eineinhalb Jahrtausenden den unterschiedlichsten Zwecken dienten. Viele Hoehlenwohnungen, Kirchen und Kloester dienen jetzt den Bauern und Stadtbewohnen als Keller, Vorratsraeume und Viehstallungen, nur selten noch als Wohnungen. ¡@ ¡@ Die tuerkischen Hoehlenhausbewohner in Goereme Der Tuff, das ortsspezifische Material, spielt eine uebergeordnete Rolle in Goereme und in den benachbarten Ortschaften. Der Boden Goeremes besteht hauptsaechlich aus Tuffgestein, der daher auch Grundlage der traditionellen Baumaterialien ist. Tuff laesst sich wegen seiner Weichheit mit einfachen Werkzeugen leicht bearbeiten. Die neuentstandene Oberflaeche haertet spaeter unter Lufteinwirkung aus. Trotz des poroesen Charakters erlaubt die Beschaffenheit dieses Materials einen statisch gesicherten Ausbau von Hoehlenraeumen, die teilweise seit mehr als 1500 Jahren in nahezu unbeschaedigtem Zustand genutzt werden. Vor allem in der Hoehlenbauweise ist durch die Dicke der Waende trotz der relativ geringen Rohdichte des Tuffgesteins eine ausgezeichnete Waermespeicher- und Isolierfaehigkeit gegeben. Ferner hat das Tuffmaterial eine ideale Dampfdiffusionsfaehigkeit, die hinsichtlich der Feuchteregulierung in den Raeumen raumklimatisch bedeutsam ist. Auch der zu Erde verwitterte Tuff ergibt mit Strohhaecksel und speziellen Erden vermischt ein Material, das sich hervorragend fuer isolierende Deckschichten auf Flachdachbauten eignet. Verrottete Tufferde kann ferner durch Hinzufuegen von Wasser und Strohhaecksel zu einer vielfach verwendbaren Moertel- oder Verputzmasse angeruehrt werden, die bei hoher Stabilitaet und geringer Rissbildung nach dem Trocknen lehm- aehnliche Eigenschaften aufweist. Das Tuffgestein wird oft fuer den Mauerbau verwandt. Hierzu werden Tuffsteinquader in unterschiedlichen Qualitaets- und Bearbeitungsgraden gehauen. Die groben Aussenmauern der ausgedehnten Innenhoefe, die Staelle und Aborte werden aus grob behauenen Tuffbrocken gebaut. Fuer den Bau der Hausmauern und vor allem der Fassaden werden dagegen sehr sorgfaeltig bearbeitete Tuffquader verwendet, die erheblich stabiler sind als die oben genannten. Oftmals sind an besonders auffaelligen Stellen, etwa am Eingangsbereich der Haeuser oder an Kamineinfassungen, die Tuffsteine mit traditionellen geometrischen Mustern verziert. Eine Hoehlenwohnung ist grundlegend anders konstruiert als sonst uebliche Behausungsarten. Es handelt sich hier um eine Negativ-Architektur, bei der die Waende als Reste bestehen bleiben, waehrend der eigentliche Innenraum der Wohnung aus dem Gestein herausgehauen wird. Bei dieser Bauweise wird also nicht auf-, sondern abgebaut. Besonders hinsichtlich der Statik unterscheidet sich die Hoehlenbauweise von anderen Arten der Architektur, wobei die Hoehlenbauweise diesbezueglich hohen Anforderungen entspricht. Hoehlenraeume benoetigen in der Regel keine stuetzenden oder uebertragenden Konstruktionen, so dass sie relativ frei den raeumlichen Beduerfnissen entsprechend ausgebaut und erweitert werden koennen. Die Vielfalt der Ausgestaltungsmoeglichkeiten ist daher in Goereme sehr gross. Einerseits erlaubt die Festigkeit des Gesteins den Ausbau grossraeumiger Hoehlensaele, andererseits ermoeglicht die Weichheit des Gesteins muehelos feine Ausarbeitungen. Zum Bau eines Hoehlenraumes mit den Ausmassen 5x6 x8 m benoetigt ein geuebter Handwerker mit seiner Spitzhacke ca. 10-14 Tage. Neben der statischen Komponente sind auch die raumklimatischen Aspekte zu erwaehnen. Die Hoehlenwohnungen in Goereme sind trocken und ausgeglichen temperiert. Ferner lassen sich die teils noch aus fruehmittelalterlicher Zeit stammenden Hoehlen fuer verschiedene Zwecke nutzen. So werden eher dunkle, kuehle und feuchte Raeume z.B. fuer die Einlagerung von AEpfeln bevorzugt, waehrend trockenere und helle Raeume von den Menschen als alltaeglicher Lebensraum genutzt werden. Auch die Einpassung der Hoehlenanlagen in die Umgebung bestimmt ihre Teilbereiche. So wird z.B. bei der Gestaltung der Hoehlen und der Hoehlen-Haus-Agglutinate auch auf die Stellung zur Sonne hin geachtet. Soweit es die Gelaendeformation ermoeglicht, werden Fenster nicht nach Westen orientiert, um eine direkte Einstrahlung der tieferstehenden Sonne, die im Hochsommer die Raeume erhitzen wuerde, zu vermeiden. An der Suedseite sind die Gebaeudemauern haeufig moeglichst dick gestaltet. Diese Gesteinsmassen absorbieren die reiche Sonnenwaerme des Tages, besonders die Mittagssonne, und geben diese in den kalten Naechten wieder gleichmaessig an den Wohnraum ab. Dieser Effekt erweist sich als ein Paradebeispiel fuer eine passive Nutzung der Sonnenenergie. Im Vergleich zu der ueblichen traditionellen Bauweise in der Tuerkei gibt es in Goereme ein oftmals ueberreichlich vorhandenes Angebot an Hoehlenraeumen, die teilweise noch aus byzantinischer Zeit stammen. Dieses ueppige Raumangebot bedeutet aber nicht, dass nunmehr vergleichsweise mehr Raeumlichkeiten zum Wohnen genutzt werden. Wie auch sonst in der laendlichen Tuerkei allgemein ueblich, nutzen die Einheimischen Goeremes in der Regel lediglich einen Raum pro Kernfamilie zum Wohnen und Schlafen, welchen sie den Beduerfnissen der Tageszeiten entsprechend umgestalten. Das reichliche Raumangebot fuehrt also keineswegs dazu, sich in der Wohnweise zu spezialisieren, wie in den westlichen Industrienationen. Der eigentliche Wohnraum bleibt daher in der Regel ein Mehrzweckraum. Es ist naheliegend, dass der schoenste und hellste Raum im Haus als Wohnraum dient, sich dieser also meist, wenn vorhanden, in einem Agglutinatsanbau vor den eigentlichen Hoehlenraeumen befindet. Doch in den kalten Wintermonaten ziehen manche Bewohner in die leichter zu beheizenden, dafuer aber etwas dunkleren Hoehlenraeume ihrer Gebaeude um, um moeglichst oekonomisch die ortsgegebene Brennstoffknappheit auszugleichen. Ein Vorteil des reichhaltigen Hoehlenraumangebots macht sich vor allem bei der Vorrats- und Lagerwirtschaft bemerkbar. So hat ein jeder Haushalt neben der eigentlichen Kueche zumindest zwei bis drei Hoehlenraeume, welche fuer die Einlagerung der Ernte- ertraege und der sonstigen, nicht regelmaessig genutzten Materialien oder Gegenstaende dienen. Diese Raeume befinden sich in fast allen Faellen, in den hinteren, tiefer im Berg liegenden und daher dunkleren Hoehlen der Haushalte, die kuenstlich beleuchtet werden muessen und sich daher zum alltaeglichen Leben nicht eignen. Staelle und Scheunen befinden sich ebenfalls in den dunkleren Teilen der Hoehlenwohnung, wobei sich die Staelle in einem raeumlich moeglichst grossen Abstand von den Wohnraeumen befinden. ¡@ Decken und Daecher Bei der Hoehlenbauweise ist die Dach- und Deckengestaltung denkbar einfach. Alles einen Hoehlenraum nach oben hin abschliessende Gestein ist die Decke, das aeussere Erscheinungsbild desselben bildet das „Dach¡§. In heutigen tuerkischen Wohnhoehlen sind die Raumdecken meist als einfache Flaechen gestaltet, wobei Unregelmaessigkeiten nicht als stoerend empfunden werden. Die Hoehe der Decken in den Hoehlenraeumen betraegt zwischen 2.00 m und 2.50 m. Bei den Hausanbauten variiert die Deckenhoehe zwischen 3.00 m und 3.50 m, je nach dem, ob es sich um eine Flachdachbalkendecke oder eine Rundbogendecke handelt. Die Decken- und Dachkonstruktionen der Hoehlenagglutinate erfordern bei der Isolation gegen Kaelte, Hitze und Feuchtigkeit, der Materialverfuegbarkeit, der Statik und bei den Kosten einen wesentlich hoeheren Aufwand. Das klassische Hoehlenagglutinat ist ein Flachdachhaus mit ein bis zwei Geschossen. Dieser Bautyp steht in der Tradition der zentralanatolischen Bauweise und hat den Vorteil, dass auf dem Dach ein Platz zum Arbeiten und Trocknen von Gemuese, Obst oder auch Waesche zur Verfuegung steht. In Goereme ist seit langem das kappadokische Rundbogenflachdachhaus verbreitet. Hier bilden 50-70 cm breite Bogenguertel ein Gewoelbe, dessen Stil alter seldschukischer Tradition zu entstammen scheint. Ein solcher Gewoelberaum, bei welchem Waende und Decken fliessend ineinander uebergehen, schliesst nach aussen mit einer raumhohen senkrechten Mauer ab. Der Zwischenraum zwischen dem Gewoelbe und der Aussenmauer ist mit Erdreich aufgefuellt, wodurch ein Flachdach gebildet wird. Eine leichte Neigung dieser Flaeche gewaehrleistet den Abfluss von Regenwasser. Raeume mit derartigen voluminoesen Dachkonstruktionen verfuegen ueber ein aehnlich gutes Raumklima wie die Hoehlenraeume, sofern die Decken hinreichend gegen Feuchtigkeit abgedichtet sind. Ein weiterer Deckentyp ist die Rundholzbalkendecke. Hierbei werden Pappelstaemme dicht nebeneinander auf die Umfassungsmauern gelegt, wodurch eine tragfeste Deckenkonstruktion gebildet wird. Ritzen zwischen den Balken werden mit Fasern, Graesern oder Stroh ausgefuellt und ueber dem Gebaelk werden oft Strohmatten ausgebreitet, die ein Hindurchrieseln der darauf befindlichen Erde verhindern sollen. Hierueber werden mehrere Schichten aus einer angefeuchteten Mischung aus erodiertem Tuff, sowie Stroh und Mist aufgetragen. Diese Daecher haben jedoch verschiedene Nachteile, wie z.B. der unangemessen hohe Verbrauch an Bauholz, der wesentlich schnellere Verfall solcher Rundholzbalkendecken gegenueber Steinbogendecken und die geringere Isolierfaehigkeit aufgrund der geringen Dachmasse. Waende In der tuerkischen Kultur spielen die Waende, neben der alllgemeinen Funktionen des Waermeausgleichs und des Witterungsschutzes, auch unter einem anderen Aspekt eine wichtige Rolle, denn in die Waende der Wohnraeume sind viele Schraenke und Nischen eingelassen, die mit einfach verzierten Holztueren verschlossen werden. Bei der Hoehlenbauweise werden Teile des Muttergesteins als Waende stehengelassen, wobei nach Belieben Durchgaenge, Nischen oder „Mobiliar¡§ aus dem Tuff gehauen werden koennen. Die Ausgestaltung der Wandqualitaeten variiert je nach Zweck von groben unregelmaessigen Strukturen bei Stall- oder Vorratsraeumen, bis hin zu sorgfaeltig geglaetteten und verzierten Waenden der Wohnzimmer. Fuer den Bau gemauerter Hauswaende werden fast ausschliesslich Tuffsteinquader verwendet. Die Waende der aeusseren Hausmauern haben meist eine Mindestdicke von ca. 50 cm, an Suedseiten eines Gebaeudes zwecks Waermeregulation oft von 90-100 cm. Die Frontseite besteht meist aus sorgfaeltig behauenen Steinen, die ca. 60x30x25 cm messen. Die Fassade beginnt erst in Hoehe des inneren Fussbodenniveaus, waehrend das Fundamentmauerwerk nur aus grob behauenen Tuffbrocken zusammengesetzt ist und lediglich dazu dient, die Unebenheiten des Gelaendes auszugleichen. ¡@ Boeden Die tuerkische Landbevoelkerung lebt seit alters her in engem Kontakt mit dem Boden, welcher mit leicht zu transportierenden Matten, Teppichen, Kelims, sowie Kissen und Decken behaglich ausgelegt wird. In den Wohnungen gibt es mehrere Bodenebenen, die sich in ihrer Funktion und symbolischen Bedeutung voneinander unterscheiden. Ein Wohnraum wird haeufig durch die verschiedenen Fussbodenniveaus aufgeteilt und optisch gegliedert. Man betritt einen Hoehlenraum ueber einen kleinen Vorraum an der Tuer (sekialti), in dem man seine Schuhe auszieht und sich einen ersten UEberblick ueber die Situation im Wohnraum verschaffen kann. Dieser Vorderteil liegt 10-15 cm niedriger als der uebrige Raum. In manchen Faellen wird der Eingangsbereich auch durch eine andersartige Deckengestaltung vom uebrigen Raum abgesetzt. Ein wichtiger Vorteil des sekialti liegt darin, dass der von aussen hereingetragene Schmutz sich in diesem Bereich sammelt und somit nicht in den eigentlichen Wohnraum hineingetragen wird. Der eigentliche Wohnraum mit den hoeher gelegenen Sitzebenen (sekiuestue) war frueher durch ein kleines Gelaender von dem Vorraum abgetrennt. Meist besteht der Wohnraum aus Stein, auf dem grosse Strohmatten ausgelegt sind, die als Unterlage fuer die Teppiche und Kelims dienen. An den Waenden dieses Hauptraums befinden sich in den meisten Faellen unterschiedlich hohe (10-40 cm) Sitzpodeste (sedir), die ebenfalls verschiedene Ebenen und deren Bedeutung markieren. Meist sind die hoeheren Sitzpodeste dem Hauspatron oder den Ehrengaesten vorbehalten, waehrend Frauen und Kinder auf den niedrigeren und unbequemeren Sitzmoeglichkeiten in der ersten Haelfte des Wohnraums Platz nehmen. Die Lage im Raum, die Hoehe, die Qualitaet des Sitzplatzes im Hinblick auf die Gemuetlichkeit und auch die Aussicht bestimmen daher die Bedeutung eines jeden Sitzplatzes. Fenster Bei der Anordnung der Fenster wird besonders die Einstrahlung der Sonne beruecksichtigt. Wegen der ausserordentlich starken Insolation im Sommer wird allgemein eine Ausrichtung der Fenster nach Suedwesten vermieden und eine Fensterausrichtung nach Sueden angestrebt, da die direkte Einstrahlung aufgrund des hohen Standes der sommerlichen Mittagssonne wesentlich geringer ist. In der Regel sind alle groesseren Fenster eines Hauses nur nach einer Richtung hin orientiert, wobei die Fensteroeffnungen selten groesser als 1 m2 sind. Die Fensterrahmen bestehen aus einfach verbundenen Holzleisten, welche die Fensterflaeche mehrfach untergliedern. Eventuelle undichte Stellen werden im Winter mit Zeitungspapier und aehnlichem abgedichtet. Die Fenster sind so gestaltet, dass die auf einem sedir sitzenden Personen bequem hinaussehen koennen, d.h. die Fensterunterkante befindet sich meist in einer Hoehe von 60 cm oberhalb des sedir. Ein normaler Wohnraum besitzt in der Regel zwei Fenster, die ca. 50-80 cm voneinander entfernt sind. ¡@ Tueren Alle wichtigen Raumoeffnungen sind durch Tueren verschliessbar, die aus Holzbrettern oder seit Mitte der sechziger Jahre auch aus Eisenblech gefertigt sind. Beim Durchschreiten einer Tuer ueberschreitet man in der Regel eine 20 bis 30 cm hohe Schwelle, die den inneren vom aeusseren Fussbodenbereich trennt. Holztueren gibt es zwar in verschiedenen Ausfuehrungen und Qualitaeten, doch das Konstruktionsprinzip ist bei allen weitgehend aehnlich: Auf zwei Querhoelzer sind Bretter buendig nebeneinander genagelt, eine Stabverlaengerung haelt die Tuer oben und unten in den Angeln. Mit zwei Riegeln kann die Tuer von innen und aussen verschlossen werden, wobei der untere Riegel von aussen mit einem Schloss versehen ist. Ritzen zwischen den Tuerbrettern werden mit Papier oder Stoffresten verschlossen und teilweise mit Blechstreifen uebernagelt. Die eigentlichen Durchgaenge durch das Mauerwerk oder den Fels sind an allen Seiten etwa eine Handbreite schmaler als die Tuer, da diese nicht in eine Zarge faellt, sondern flach gegen das Randmauerwerk schliesst. Die Durchgangshoehe ist selten hoeher als 1.70-1.80 m. Treppen Die Treppen im alten Teil Goeremes sind aus dem Tuffgestein herausgehauen, aus Tuffsteinquadern zusammengesetzt oder bestehen aus Gussbeton. Hoelzerne Treppen sind selten, wenn auch manche Kombinationen aus Balkenkonstruktionen und Steinquadern zu finden sind. Die Treppen zu den Raeumen befinden sich ausserhalb des Gebaeudes fast immer im Bereich des Innenhofs. Oftmals haben selbst steile Treppen keine Gelaender. Der Innenhof Der Innenhof (avlu) ist fuer das Leben einer Familie mindestens genauso wichtig wie die geschlossenen Zimmer. Es ist der Platz, an dem innerhalb der Haushalte ein Grossteil der alltaeglichen Arbeiten verrichtet wird. Er ist das Zentrum des Lebens einer Familie fuer den groessten Teil des Jahres. Der Innenhof bildet den ersten Wohnbereich, der nach ueberschreiten der Schwelle betreten wird. Er ist der Knotenpunkt eines traditionellen Haushalts, der passiert werden muss, um alle weiteren Raeumlichkeiten meist direkt zu erreichen. Der bevorzugte Platz eines offenen Vorhofs liegt an der Suedseite eines Gehoefts. Dies ist vor allem fuer das Trocknen von Fruechten und Fleisch von entscheidender Bedeutung, weil der Schatten des Hauses nicht darauf faellt. Zudem blicken die Fenster des Hauses damit auch nach Sueden, der bevorzugten Richtung, ohne dass sie von der Strasse einsehbar sind. Wegen der topographischen Verhaeltnisse ergeben sich zwar Abweichungen, jedoch wird immer versucht, die direkte Einstrahlung der Mittagsonne in den Innenhoefen zu nutzen. Die halboffene Diele Ein bedeutungsvoller UEbergangsbereich in einem traditionellen Hoehlenhaushalt ist die halboffene Diele (cardak bzw. hayat), welche eine Verbesserung der Wohnbedingungen darstellt. Dem eigentlichen Wohnraum wird ein nach vorne hin offener gedeckter Vorraum angegliedert, in dem bei ausreichendem Schutz vor der Witterung eine Verbindung zur Aussenwelt erhalten bleibt. In Goereme besteht ein solcher Vorbau immer aus einer Rundbogenkonstruktion, wobei aus einzelnen Quadern zusammengesetzte Rundboegen einen nach oben hin abgedeckten Raum bilden. Der so gebildete Raum ist in der Regel mit einer Feuerstelle in der Mitte ausgestattet. Da eine solche halboffene Diele auch einen wichtigen Durchgangsbereich zu den Raeumlichkeiten darstellt, werden die Feuerstellen nach Gebrauch mit Steinplatten zugedeckt. Die halboffene Diele wird haeufig als Wohnraum genutzt, vor allem dann, wenn die aeusseren Witterungsbedingungen fuer einen Aufenthalt im Freien zu unwirtlich sind, man sich aber dennoch nicht in die Innenraeume zurueckziehen moechte. Diese halboffenen Dielen sind oftmals nach Sueden hin ausgerichtet, wodurch sowohl eine gute Beleuchtung gewaehrt als auch die Belaestigung durch die pralle Mittagssonne vermieden wird. Wohnzimmer Im Unterschied zu den Wohnraeumen der meisten Industriegesellschaften bewohnen die Einwohner der laendlichen Tuerkei in der Regel nur einen Raum, der unterschiedlichsten Anforderungen auf praktische Weise gerecht wird. Dieses Wohnzimmer ist als Mehrzweckraum konzipiert, indem alle Voraussetzungen fuer ein gemuetliches Zusammenleben gegeben sind. Im Wohnraum befindet sich als Feuerstelle, ein in den Boden eingelassenes Holzkohlenbecken zumeist an einer Seitenwand. Waehrend der kalten Winterabende sitzen dann oft die Familienmitglieder unter einer darueber ausgebreiteten Decke, um bei der Waerme der Glut gemeinsame und alltaegliche Dinge zu bereden. Waehrend der Sommermonate werden diese Holzkohlenbecken zugeschuettet und mit Teppichen und Kelims verdeckt. Die Mitte des Wohnzimmers ist hierdurch jeder Zeit frei fuer die jeweils gewuenschte Nutzung. In der mittelalterlichen Hoehlen befindet sich in der Mitte des Raumes ein direkt aus dem Fels geschlagener Tisch, um welchen sich ebenfalls direkt aus dem Tuff gehauene Sitzbaenke gruppieren. In Gewoelberaeumen gibt es manchmal ein Oberlicht, welches der Beleuchtung der betreffenden Raeume eine besondere Qualitaet verleiht, da das einfallende Licht in der oberen Raumeshaelfte reflektiert wird. Kuechen und Lagerraeume Die Kueche dient, wenn ueberhaupt, nur im Winter als eigentlicher Wohnraum, daher verfuegen nur wenige von ihnen ueber eine Feuerstelle. Im Vergleich zu den Wohnraeumen sind die Kuechen meist ohne grosse Sorgfalt eingerichtet. Sie dienen in erster Linie als Lagerraum fuer Kuechenutensilien und verschiedene Nahrungsmittel. Neben den Kuechen gibt es vor allem in den Hoehlenwohnungen einige Raeume, die entweder als Abstellraeume oder der Einlagerung von Erntegut und Viehfutter dienen. Wegen der grossen Anzahl von alten, frueher einmal bewohnten Hoehlenraeumen gibt es sehr viele Abstellraeume. Diese liegen meist in den hinteren Haelften der Hoehlenwohnungen, die meist schlecht zu beleuchten sind und sich daher heutzutage nicht mehr zum Wohnen eignen. In diesen werden Materialien und Gebrauchsgegenstaende aufgehoben, die nur selten gebraucht werden. Solche Raeume sind ohne besondere Sorgfalt eingerichtet, werden also auch nicht gestrichen oder anderweitig dekoriert. Staelle In einem Gebaeudekomplex liegt der Stall meist moeglichst weit entfernt von den eigentlichen Wohnraeumen. Viele der Hoehlenraeume in Goereme dienen heute als Staelle. Wegen ihres ausgeglichenen Raumklimas eignen sie sich trotz des haeufig relativ geringen Lichteinfalls zur Unterbringung des Viehs. In solchen Faellen befinden sich laengs der Seitenwaende in geeigneter Hoehe aus dem Fels gehauene Futtertroege. Oft befinden sich unter der Stalldecke Stangengerueste fuer die Tauben. Die Haltung dieser Voegel dient der Produktion von Dung. Ihr Mist wird mit dem Mist der anderen Tiere gemischt, wodurch ein Duenger von ausserordentlicher Qualitaet entsteht. Latrinen Als Einzelgebaeude steht die Latrine (hela) meist moeglichst abseits von den Wohnraeumlichkeiten, meist nahe des Hoftors zur Strasse hin. Ein Abort ist immer zweigeschossig. Der obere Raum, welcher sich zwischen ein bis eineinhalb Meter ueber dem Erdboden befindet, laesst sich ueber eine kleine Treppe erreichen. Er ist durch eine luftige Tuer oder einen Vorhang zur Aussenwelt hin abgeschlossen. Die Seitenwaende sind haeufig nach oben hin offen, wodurch eine ausreichende Belueftung ermoeglicht wird. ¡@ Literaturverzeichnis J. Wagner / G. Klammet / Goereme / Felsentuerme und Hoehlenkirchen im tuerkischen Hochland Andus Emge / Wohnen in den Hoehlen von Goereme / Traditionelle Bauweise und Symbolik in Zentralanatolien Spiro Kostof / Caves of God / Cappadocia and its Churches Henri Stierlin / Byzantinischer Orient / Von Konstantinopel bis Armenien und von Syrien bis AEthiopien Marcell Restle / Studien zur fruehbyzantinischen Architektur Kappadokiens Bernard Rudofsky / The prodigious Builders / Notes Toward a Natural History of Architecture Albrecht Mann / Wohnhoehlen / als Formen menschlichen Hausens und Bauens vom Altpalaeolithikum bis zur Gegenwart ¡@ |
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