Programmierer-ReligionEin Merkmal fast aller Religionen ist, daß in ihnen Menschen Dinge, die sie nicht verstehen, mit Dingen erklären, die ihnen vertraut sind.Weil, zum Beispiel, ein Schafhirte der Vorzeit nicht wußte und nicht wissen konnte, wie "das Wetter" entsteht, suchte er sich eine Erklärung dafür, die im plausibel erschien: Er konnte sich gut vorstellen, daß Donnergrollen das Schimpfen eines unheimlich mächtigen Wesens, ähnlich wie ein Mensch, ist. Er konnte sich fragen: Ist das vielleicht dasselbe Wesen, das die Sonne über den Himmel zieht? Natürlich ist dieses Wesen eine Projektion seiner selbst - ein Supermensch. Er hat unvergleichliche Gewalt (denn immerhin zieht er ja die Sonne über den Himmel und läßt ein schreckliches Grollen ertönen, wenn er wütend ist), aber trotzdem könnte es ein Mensch sein. Genauer gesagt - er benimmt sich wie ein Mensch, der diese Fähigkeiten auf irgendeinem Wege erlangt hat. Er ist eifersüchtig, stolz, beleidigt, liebt, kennt Trauer und Freude (und für euch Christen: muß nach getaner Arbeit auch mal rasten). Was liegt also für einen Programmierer näher, als die Dinge, die er nicht vollständig erklären kann, durch "Modelle" aus dem Bereich der Computertechnik, mit Hardware und Software, Simulationen und Programmen, Programmiersprachen und Programmieren zu erklären. Grundlegendes AxiomDie Welt und alles was darin ist - also auch wir - ist eigentlich ein Computerprogramm, eine Simulation, die einmal von einem Programmierer (der vielleicht selbst in einer Welt lebt, die auf einem noch fähigeren Computer simuliert wird) auf einem gigantischen Rechner implementiert wurde.Eine Vermutung, die nicht nachgewiesen werden kann und deshalb im Raum stehen bleibt. Sie kann nicht einmal widerlegt werden. Warum das so ist? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Das Simulierte erkennt nie, daß es simuliert wird - gerade daß es sich so verhält, als wäre alles, was es sieht, wahrnimmt und erkennt Wirklichkeit, macht eine Simulation zur Simulation. Eine Simulation ist also gerade dadurch definiert, daß die simulierten Verhältnisse denen der Realität (oder einer gedachten Realität) entsprechen und bei der Simulation von Individuen muß also gesichert sein, daß die Individuen keine Möglichkeit haben, selbst zu beweisen, daß sie simuliert werden - denn sonst könnte es passieren, daß sie sich nicht so verhalten, wie sie sich vielleicht verhalten würden, wenn sie nicht simuliert - oder, (dazu später mehr) eine Simulation geringeren Grades wären. Dieser Gedanke findet sich auch in einer interessanten Geschichte von Stanislaw Lem wieder - einer der Pioniere der Erforschung der (virtuellen) Realität. Sie ist im Band "Sterntagebücher" (Goldmann Taschenbücher) veröffentlicht. Besonders von Interesse ist hierbei der Teil "Erinnerungen eines...", vor allem Kapitel I, II und III. Lücken der SimulationNatürlich kann eine von Menschenhand erstellte Simulation nicht perfekt sein - und welcher Gedanke liegt dann näher als der, daß vielleicht - wenn wir schon nicht sicher wissen können, ob wir in einer Simulation leben, zumindest versuchen sollten, die kleinen Verdachtsmomente aufzuzeigen, die eine Simulation immerhin nahelegen könnten.Lem formulierte es (in etwa) so: Wer kennt nicht die Situation, daß man sich nur kurz abgewendet hat, und plötzlich ist irgendetwas nicht mehr ganz so, wie es vorher war, ohne daß sich etwas geändert haben könnte: Plötzlich ist die Schere weg, die doch noch vor Sekunden dort auf dem Zettel gelegen hatte... Das kann in der Unvollkommenheit des menschlichen Verstandes begründet sein, könnte aber auch daran liegen, daß soeben in der Simulation ein kleiner "Bug" aufgetreten ist: Für uns Programmierer hieße dies z. B. daß bei der Berechnung der Koordinaten unserer Schere ein Überlauf entstanden ist - und nun liegt die Schere ganz woanders. Mönche der SimulationDie interessante Frage, ob so etwas nun am menschlichem Verstande oder wirklich an einem Fehler unseres "environments" liegt, schreit geradezu nach einer wissenschaftlichen Untersuchung. Leider haben die hypothetischen Programmierer unserer Welt es uns nicht allzu einfach gemacht, solche Bugs in den Naturgesetzen zu finden - sie treten nicht (jedenfalls sind mir keine bekannt) mit Regelmäßigkeit auf. Das heißt, wenn ein Verhalten abseits der Norm einmal in einer bestimmten Situation aufgetreten ist, muß es nicht unbedingt nocheinmal auftreten, wenn dieselbe Situation sich wiederholt. Wie könnten das jene hyp. Prog. angestellt haben, daß es, wenn es Fehler gibt, sie nur in Routinen auftauchen, die nur gelegtentlich (nach einem zufälligen) Schema aufgerufen werden? Sie haben wohl für jeden Vorgang mindestens einen weiteren Algorhythmus parat, der, falls der eine einmal versagt, helfend einspringen könnte. Dabei muß selbstverständlich gewährleistet sein, daß Fehler, wenn sie schon nicht 100%ig verhindert werden können, doch zumindestens immer erkannt werden müssen. Das ist aber durchaus den Programmierern unserer Welt zuzutrauen, daß sie Kontrollmechanismen eingebaut haben, die Fehler, die der unser Verstand zu erkennen vermag, ebensogut erkennen können. Nicht desto trotz könnte sich eine Gruppe von "Mönchen" dazu entschließen, sich auf die Suche nach Bugs in unserer Welt zu begeben: das heißt, weil Suche im eigentlichen Sinne des Wortes nicht in Frage kommt, einfach die Augen aufzuhalten und wenn sie einen Bug gefunden haben, ihn an eine Stelle zu melden, die die Fehler sammelt und ordnet. Wäre es nicht der Traum eines jeden Programmierers, daß sein Programm plötzlich mit der Fehlersuche in ihrer eigenen Umgebung anfangen und einen ausführlichen Fehlerreport schreiben, der es ermöglich, Fehler auf einfache Weise effizient zu eliminieren. Und wer weiß, vielleicht findet ja irgendjemand einen Fehler, der es ermöglicht, ein perpetuum mobile zu konstruieren: unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Alles ist subjektivDies ist nicht die neueste Erkenntnis - daß sich das Individuum nur sicher sein kann, daß es selbst existiert, haben schon frühe Philosophen erkannt. Dennoch gewinnt die Frage in der Simulationstheorie eine neue Qualität: "Herkömmliche" Philosophen gehen davon aus, nur sie selbst seinen "echt" und alles andere vielleicht nur Illusion, wie ein Traum. Doch was ist, wenn sie selbst "nur" eine Simulation sind, nicht "echter" als alles andere? Der Unterschied lieg also nicht in "echt" und "simuliert", sondern in der Qualtität der Simulation. Kaum einem Europäer (vielleicht keinem) würde es auffallen, wenn für große Teile Chinas nicht mehr jedes einzelne Individuum vom Simulator berechnet würde, sondern sie zu Gruppen von 100 oder 1000 Menschen zusammengefaßt würden, die nur noch als Gruppe agieren: Zur Simulation einer Dorfgemeinschaft muß auch nicht aussimuliert werden, was genau die einzelnen Bürger zur Zeit tun, der Computer hält nur Buch darüber, was und wieviel produziert wird, welche kulturellen und politischen Ansichten vorherschen, welche Konflikte es geben könnte. Freier WilleFür die Theodizee, die "Wissenschaft", die versucht, Allmächtigkeit und Allwissenheit Gottes mit seiner Allbarmherzigkeit und dem gegenwärtigen Zustand einer Welt, die nicht so sehr nach dem wohldurchdachten Plänen eines Gottes sondern nach dem Ergebnis unbedachter Spielereien eines ... (ups: "microfein, hüte deine Zunge") zu vereinen, spielt der freie Wille des Menschen eine wichtige Rolle. Aber nicht nur aus dem Christentum, auch aus dem Ansatz der "göttlichen Datenverarbeitung" lassen sich einige Aussagen über den freien Willen des Menschen machen: Kann ein Wesen, daß "eigentlich nur" ein Programm ist; das nach sehr komplizierten, aber schlußendlich doch mathematischen Gesetzen unterworfenen Prinzipien handelt, einen freien Willen haben? Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich zunächst einmal auf eine sprachliche Definition von freier Wille einigen. Erst wenn wir genau wissen, was freier Wille überhaupt ist, können wir daran gehen, ihn beim Menschen zu suchen. Ist freier Wille nicht die Fähigkeit der "Steuerung" eines Subjektes, eigene Forderungen an die zugehörigen Geräte der Peripherie zu stellen, ohne sich um Weisungen einer übergeordneten Größe zu scheren? So scheint es im allgemeinen Verständis der Christen zu sein, deren Gott ihnen die Möglichkeit gibt, das zu tun, was er will, oder es zu lassen. Aber kann es Vorgehensweise eines Programmierers sein, ein Programm, an das er klare ethische Ansprüche hat, was es tun soll, vor solch eine Wahl stellen, und wenn es sich gegen die Meinung des Programmierers entscheidet, mit "fatal errors" zu malträtieren, die das Programm zerstören, es danach wiederherzurichten, um es von neuem Qualen auszusetzten, und es damit für die begangene Schuld zu bestrafen? Was für viele essentieller Bestandteil ihrer Religion ist, erscheint hier seltsam, lächerlich und grotesk. Ein freier Wille im Sinne eines Programmierers wäre nicht die Möglichkeit der Wahl zwischen bekannten richtigen Verhalten und deren Alternativen, womöglich mit eingebauter Fehlerquelle namens Sexualhormonen, sondern vielmehr die völlige Abstinenz von vorgegebenen Geboten, die durch ein Couple von Zielen und Wünschen ersetzt werden. Natürlich überläßt es der Programmierer dem Programm, diese Ziele durch eigene Ziele zu ersetzen: ähnlich wie der Mensch von Natur aus mit den Zielen: Neugier, Fortpflanzung, Hunger, Geborgenheit usw. ausgestattet ist und diese Ziele ersetzt werden können durch Ideologien, Träume und Visionen, die eventuell den vorgegebenen Zielen vollkommen widersprechen. Das ist eben das schöne an diesem Modell des Seins - es läßt sich so leicht den gegebenen Wirklichkeiten unserer Welt anpassen, daß es bei ihrem Erleben kein Hindernis darstellt. Ein Gott als neutraler Programmierer, der nichts tut als sich an der der Schönheit und Vielfältigkeit seines Schauspiels zu erfreuen, fordert niemanden auf, jemanden anderen für die "alleinzige Wahrheit" ins jenseits zu beförden, sondern macht es jedem möglich, sich selbst ein Bild vom Sein zu basteln, das dem, was er sucht, so weit wie möglich entspricht. Der eine erfreut sich vielleicht an einer menschenähnlichen Programmiererin mit Gefühlen und Wünschen, die diese Welt als Hobby betreibt, dem anderen gefällt vielleicht die Idee eines Konsortiums, daß anhand der Welt und des Menschen politische Theorien für die eigene Welt testen will. Meine Wahl ist es natürlich, die Welt zu nehmen, wie sie ist und ohne mystische und spirituelle Erfahrungen auszukommen. Aber ist es nicht vielen Menschen ein inneres Bedürfnis, der Welt einen Sinn zu geben? Diesen Menschen könnte man mit dieser Programmierreligion ein Werkzeug geben, diesen Sinn zu suchen, ohne gleich damit größeren Schaden anzurichten. Kapitel in ArbeitZeitreisen in der Simulation "Übersinnliche" Phänomene Wiedergeburt Nachtrag
Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob eine "ungefährliche" Religion die Menschen vor einer gefährlicheren Religion schützt oder ob sie nicht vielmehr für weitere spirituelle Versuchungen empfänglich macht. Rückzieher zum Index oder zu den Zusammenfassungen . |
|