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Grundlagen des MarxismusTrotz des Niedergangs der Sowjetunion und der marktwirtschaftlichen Öffnung der meisten anderen kommunistischen Regimes (wie China, in jüngerer Zeit auch Kuba und Nordkorea) ist der Kommunismus der derzeit bedeutenste Alternative zur freien oder sozialen Marktwirtschaft. Gerade heute, zur Zeit einer weltweiten Depression, werden die Rufe nach Alternativen zum Kapitalismus wieder lauter. Und der Marxismus, und später der Marxismus-Leninismus hat sich immer als diese Alternative verstanden. Was liegt also näher, als sich mit dem Marxismus selbst und den Erfahrungen, die die Welt mit ihm gemacht hat, auseinanderzusetzen. Marxismus - benannt nach seinem Schöpfer Karl Marx - ist Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie zugleich, versucht philosophische und politische Antworten zu geben. Kurzum, er ist "der titanische Versuch, eine Gesamtantwort auf das Gesamtproblem des menschlichen Daseins zu geben" (1). Um ihn zu verstehen, muß man seine Vorgänger verstehen - Marx war geistiger Erbe Hegels, des großen deutschen Idealisten und Feuerbachs, ebenfalls ein bedeutender deutscher Philosoph. Glücklicherweise haben Mitschüler mir die Arbeit, sich mit diesen Philosophen auseinanderzusetzen abgenommen - für einen einzelnen wäre es wahrhaftig ein nicht im Schuluntericht zu leistendes Unternehmen gewesen, auch auf die Vorgeschichte des Marxismus und auf die Quellen, aus denen er schöpft näher einzugehen. Ich verweise deshalb auf die Referate von .. über Hegel und .. über Feuerbach.
Der Marxismus hat nie ein eigenständiges Menschenbild formuliert. (2) Dennoch kann man in den Schriften Marx' und denen seines Freundes und Mitautors Friedrich Engels durchaus als anthropologisch zu bezeichnende Fragmente finden, die unter Berücksichtigung von Hegels Philosophie zusammengenommen eine detailierte Anthropologie ergeben. Marx selber formulierte dazu, er habe Hegel "vom Kopf auf die Füße" (3) gestellt ohne dabei die dialektische Struktur der Hegelschen Weltsicht aufzugeben - sprich: daß nicht der Geist die Materie bestimme, sondern die Materie den Geist. Inbesondere hat er die Ansicht, daß sich der Geist in Entfremdungsformen entfalte, auf die Lohnarbeit angewandt. Der Mensch verwirklicht sich nach der Marxistischen Lehre in seinem Produkt, diese Verwirklichung ist für die Selbsterkenntnis des Menschen notwendig. Im Kapitalismus werden die Arbeiter durch Arbeitsteilung von ihrem Produkt getrennt - manche kommen mit dem Endprodukt gar nicht mehr in Berühung. So ist Selbstverwirklichung und Selbsterkenntis eingeschränkt; Marx spricht von einer vierfachen Entfremdung: einmal von dem Produkt selbst, damit auch auf Grund der fehlenden Reflexion vom eigenen Ich, von der Arbeit und letztendlich vom Mitmenschen. Marx übernahm von Feuerbach die Vorstellung vom Menschen als einem "konkret sinnlichen Gattungswesen [...] in dem Sinn, daß er sein eigenes Wesen und damit das der Gattung in freier, bewußter Tätigkeit produziert." (4)
In den letzten Zeilen des Kommunistischen Manifestes (5) wird deutlich, daß Marx glaubte, daß wenn man das Übel an seiner Wurzel packe, sich die Gesellschaft wie von selbst heilen würde:
Direkt auf dieser nie explizit als solche dargelegten Anthropologie baut Marx' Geschichtsverständnis auf. Marx übernimmt von Hegel die dialektische Sicht der Geschichte. Er sieht sie als einen sich dynamisch fortentwickelnden Gedankengang, in dessen augenblicklichen Gedanken auch schon alle Anlagen für alle zukünftigen Entwicklungen keimen. Er unterteilt sie in verschiedene Phasen, von denen jede zwangsläufige Nachfolgerin der vorigen ist: Ihr Urzustand ist eine bäuerliche Gesellschaft ohne Eigentum an Boden, in der jeder, jedoch auf einer unentwickelten Basis, das erwirtschaftet, was er leisten kann und die schwächeren Mitglieder des Gesellschaft von den Leistungen der stärkeren mitgetragen werden. Weil die menschlichen Bedürfnisse eine stetig fortschreitende Weiterentwicklung fordern bleibt es jedoch nicht dabei. Um leistungsfähiger zu werden, beginnt die Gesellschaft die Arbeit unter den Menschen aufzuteilen. Die den veränderten Arbeitsverhältnissen und der Arbeitsteilung innewohnenden Eigenschaften führen zu einer ungleichen Verteilung der produzierten Güter und letztlich zur Einführung des Privateigentums. Damit ist die dritte Phase, die Phase der Klassenkämpfe, erreicht. Gesellschaft ist in Klassen gespalten, die eine Klasse kontrolliert die Produktionsmittel (Maschinen und Rohstoffe) und unterdrückt die andere Klasse. Der Gegensatz der Klassen verstärkt sich zunehmend und endet schließlich in Revolutionen, wo die mittlere oder die untere Klasse die oberste Klasse entmachtet, sich zum Herrscher über die Produktionsmittel erhebt und die vormals herrschende Klasse nun die neue unterste Stufe bildet. Der gesamte bisherige Geschichtsverlauf wird von Marx in diese Kategorien eingeordnet; von den Plebejern und Patriziern über Feudalherr und Leibeigener bis hin zum Proletarier und Bourgeois der Neuzeit - alles ordnet sich in dieses Schema ein. Aber erst mit dem Kapitalismus, wie er zur Zeit Marx' Formen erreicht hat, ist die Spaltung der Klassen so groß, daß es zu einer proletarischen Revolution kommt. Daß die proletarische Klasse sich ihrer selbst bewußt wird ist, die Bedingung für eine Revolution, in der das Proletariat (weil es über die Hintergründe des Kapitalismus Vescheid weiß) sich nicht zur neuen unterdrückenden Klasse erhebt, sondern das Eigentum an Produktionsmitteln vollständig aufhebt und so die Bedingungen für die Entstehung von Klassen überhaupt beseitigt. Dann erst kann jene Gesellschaft erstehen, "worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist." Nachdem einmal das Geld mehr war als ein vergegenständlichter Warenwert, änderte sich auch der Warenverkehr. Nicht mehr verkaufen um zu kaufen war Primat der Handlungsbemühungen, sondern kaufen um zu verkaufen. Nicht mehr materieller Reichtum, sondern immaterieller in Form von Kapital wurde die wahre Maßeinheit der Gesellschaft. Der Kapitalismus, wie er zu Zeiten Marx' wirklich herrschte, spaltete die Gesellschaft in die Schicht der Proletarier, die nichts als ihre Arbeitskraft besaßen und der Bourgoisie, die über die Produktionsmittel herrschte. Im Unterschied zu früher, wo der Arbeiter fertige Produkte verkaufte, verkaufte er jetzt seine Produktivität. Die schon benannte Entfremdung des Menschen vom Produkt und damit von sich selbst, setzte ein.
Damit ein Produkt sich am Markt rentiert, müssen die Erlöse größer als die Produktionskosten sein. Diese unterteilt Marx in verschiedene Teile: Materialkosten, Maschinenkosten und Lebensmittel (im weitesten Sinne) für Arbeiter und Arbeitgeber. Teilt man den Mehrwert, den ein Produkt am Arbeitsmarkt einbringt, durch die Löhne der Arbeiter, erhält man den Grad der Ausbeutung. Im kommunistischen Staat, so die Idee Marx', würden der Mehrwert vollständig der arbeitenden Bevölkerung zufallen, sofern er nicht für neue Investitionen der Gemeinschaft, also für die industrielle Fortentwicklung verwendet würde. Allein weil nun alle arbeiteten und niemand nur von den profitbringenden Auswirkungen von Leistungen in der Vergangenheit lebt, also insgesamt mehr Waren produziert werden, müsse, so Marx, die Lebensqualität rapide ansteigen. Im Ganzen gesehen sind aus kommunistischer Sicht die Menschen im Kapitalismus also Sklaven des Marktes, sowohl der Bourgeois als auch der nichtorganisierte Proletarier können sich den Gesetzen des Marktes nicht entziehen. Nicht mehr der Mensch, sondern der Profit entscheidet über den Fortgang der Menschheit. Nur wenn die arbeitende Klasse ihre Lage erkennt und sich zur Klasse organisiert, kann sie sich über die herrschenden Verhältnisse hinwegsetzen und die kommunistische Gesellschaft einführen. Hingegen unterliegen die Besitzenden den Zwängen der Eigentumserhaltung und können sich nicht über den Markt hinwegsetzen. "Marx verlangte von der Arbeiterbewegung, daß sie sozialistisch, vom Sozialismus, daß er proletarisch werde. Dies ist sein entscheidender Beitrag zur Politik der Gegenwart." (6) Erst die zur Klasse organisierten Proletarier haben die Möglichkeit, die bestehenden Verhältnisse gewaltsam zu ändern (Marx macht keinen Hehl daraus, daß seine Ziele wenn nötig mit Gewalt erreicht werden sollten; er spricht von "entreißen", "despotischen Eingriffen").
Wenn man sich noch einmal die Zeilen durchliest, in denen Marx vom klassenlosen Staat spricht, kommt leise der Eindruck auf, daß hier weniger rationale Vorstellung als ein irrationaler Glauben an eine Art Paradies auf Erden der Vater des Gedanken war - ein Eindruck der von bekannten Marxismuskritikern bestätigt wird. So sehr sich der Marxismus von Religionen abwendet, sie als ein Produkt des Menschen entlarvt, so wenig hält er seinen eigenen Kategorien stand. Borkenau schreibt "welches sind die Triebkräfte und Denkmotive, die hinter der fanatisch-revolutionären Utopie stehen? [...] Sie liegen jedoch nahe genug, obgleich Marx sich des Zusammenhangs offenbar nicht bewußt war.[...] Marx wäre zwar ohne Zweifel in furchtbare Erbitterung geraten, wenn man ihn auf seine fast unveränderte Übernahme einer jüdisch-christlichen Grundkonzeption hingewiesen hätte; es bleibt jedoch die Tatsache, daß weder sein ursprüngliches noch sein künftiges Paradies das mindeste mit irgendeiner Praxis oder gar Wissenschaft zu tun haben." Besieht man den Marxschen Geschichtsverlauf noch einmal aufmerksam unter diesem Gesichtspunkt, kann man sich nicht der Erkenntnis entziehen, daß seine geschichtliche Konzeption große Ähnlichkeiten mit der des Alten Testamentes hat. Ausgehend von der urkommunistischen Gesellschaft, einer Art erstem Paradies, gerät der Mensch mit dem "Sündenfall", der Einführung des Kapitals, in eine befleckte Welt mit all ihren Unvollkommenheiten und Ungerechtigkeiten. Der Zustand spitzt sich zu, bis er mit dem Kapitalismus in seiner Reinstform, wie er zu Marxens Zeit vorherrschte, den Höhepunkt der Verderbnis erreicht hat. Wenn schließlich dieser Zustand nicht weiter zu ertragen ist, folgt die moralische Umkehr, die proletarische Revolution, die die Ursünde, das Eigentum an den Produktionsmitteln, aus der Welt schafft und ein zweites, noch vollkommeneres Paradies schafft. Die Welt mußte sich also erst erniedrigen, um das Höhere zu erreichen, wahrhaftig eine religiöse Vorstellung. Wie diese Analogie für Marx selbst verborgen blieb, zeigt sich darin, daß er ohne den tieferen Sinn seines Vergleiches zu erkennen, schreiben konnte: "Diese Ursprüngliche Akkumulation spielt in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie." (7)
Literaturangaben:
Rückzieher zum Index oder zu den Zusammenfassungen . |
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