Auszüge aus der Begründung meiner Kriegsdienstverweigerung
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich unter Berufung auf Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigere.
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Ein weiteres entscheidendes Ereignis, auf dem meinen ablehnende Einstellung gegenüber Kriegen und Kriegsdienst basiert, war der Golfkrieg im Irak. Ich kann mich noch gut an die schlaflosen Nächte als Elfjähriger erinnern, in denen ich fürchtete, der Irak hätte biologische Kampfstoffe freigesetzt, die sich über die ganze Welt verbreiteten; biologische Kampfstoffe, an deren Entwicklung eine demokratische Nation - die Vereinigten Staaten von Amerika - nicht ganz unbeteiligt war. So konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier die Amerikaner mit den Geistern, die sie gerufen hatten, nicht mehr fertig wurden, und meine Eltern bestätigten mich in meinen Überlegungen. Jedenfalls war ich damals überzeugt - und diese Überzeugung habe ich bis heute beibehalten -, daß ich niemals an einem Krieg aktiv beteiligt sein wollte.
Das letzte Glied in einer Kette von Faktoren (obwohl ich befürchten muß, daß dieses nicht das letzte bleibt), die mich zu meiner heutigen Einstellung gegenüber dem Krieg brachten, war die Beschäftigung mit dem Niedergang der Weimarer Republik im Schuluntericht, wo ich erleben mußte, wie eine Demokratie in eine totalitäre Staatform hineinschlitterte - und (gerade das ist bei der Frage nach dem Wehrdienst von Interesse) feststellen mußte, wie leicht die Reichswehr durch faschistische Kräfte korrumpierbar war (was mir beides auch noch heute Sorgen bereitet). Soweit zu meinem familiären Hintergrund.
Als Argument gegen eine Kriegsdienstverweigerung wird immer wieder angeführt, daß die Bundeswehr laut Verfassung eine reine Verteidigungsarmee sei und deshalb nur aktiv würde, wenn Deutschland von anderen Staaten angegriffen würde. Zwar ist in meinen Augen ebenso zweifelhaft, ob Deutschland jemals Opfer eines Angriffskrieges werden könnte (die Vorstellung scheint mir in Zeiten der eurpäischen Einigung geradezu absurd), aber ich will Ihnen erläutern, warum ich aufgrund meiner innersten Überzeugungen auch eine Teilnahme an einem Verteidigungskrieg ablehne:
Zunächst einmal ist Krieg die Aufhebung des geltenden Rechtes auf dem Kriegsgebiet - Grundrechte wie das der Bewegungsfreiheit und das der persönlichen Freiheit werden für den Soldaten im Kriegsfalle außer Kraft gesetzt. Zwar schreibt die Broschüre "Ja, ich bin dabei.", die vom Bundesministerium für Verteidigung herausgegeben wird, "Im übrigen: die Grundrechte gelten auch für Sie als Soldat. Die Erfüllung des Auftrages verlangt allerdings einige Einschränkungen, die der Gesetzgeber festgelegt hat. Im Wesensgehalt wird jedoch kein Grundrecht angetastet!", doch die Verletzung der Grundrechte (und wenn nicht der Grundrechte, so doch der Universellen Menschenrechte) ist offensichtlich: "die Erfüllung des Auftrages verlangt" die Aufgabe eigenständigen, eigenverantwortlichen Handeln und ersetzt es durch "Pflicht"-erfüllung, gegebenenfalls bis in den Tod (Desertation steht bis zum heutigen Tage unter Strafe).
Ich allerdings bin nicht bereit - und in gewisser Hinsicht auch unfähig - Befehlen zu folgen, die ich mir nicht selbst gegeben hätte. Das bedingungslose Befolgen von Befehlen widerspricht radikal meiner humanistischen Gesinnung, die eigenverantwortliches Handeln aller in den Vordergrund stellt. Ich könnte niemanden, den ich direkt ansehe und nicht nur als Schema auf einem Monitor sehe, aus welchen Gründen auch immer erschießen und auch der Befehl eines Vorgesetzen könnte mich nicht dazu bewegen, einen Menschen, der mir nichts getan hat, außer das er (wahrscheinlich unfreiwillig) einer Armee angehört, die in Deutschland einmarschiert ist, präventiv Schaden zuzufügen. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn andere Soldaten deshalb Schaden oder gar den Tod erleiden müßten. Selbst wenn ich in Kriegshandlungen verwickelt würde, die eine Verteidigung unumgänglich machten, um das eigene Leben nicht zu Gefährden, würde ich mich der Flucht entschließen. Mich also zu einem fähigen Soldaten zu machen (so sehr ich Krieg auch ablehne) würde unter anderem erfordern, daß jemand mir meine natürliche Tötungshemmnis abtrainierte. So etwas zu tun läuft meinen innersten Überzeugungen zuwider, das Abtrainierung der Tötungshemmnis macht Menschen zu nichts besserem als Kampfmaschinen.
Daß eine derartige Situation in einem Krieg welcher Gestalt auch immer irgendwann eintreten muß, zeigten die Kriegserfahrungen aller Soldaten, die unfreiwillig in einen Krieg ziehen mußten; nicht zuletzt deshalb, weil bei fortgesetzter Kriegshandlung eine Pervertierung des Krieges zu erwarten ist (nicht zuletzt im zerbrechenden Jugoslawien mußte eine derartige "Eigendynamik des Krieges" erlebt werden).
Weil also der Eintritt in eine Armee für mich mit unvertretbaren Einschränkungen meiner Selbstbestimmung und Freiheit verbunden ist und meiner persönlichen Natur auf radikale Art widerspricht, erkläre ich, daß ich den Kriegsdienst verweigern möchte.
Mit freundlichen Grüßen,
Moritz S.
Rückzieher zum Index oder zu den Zusammenfassungen .
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