Die Antwort des Atheismus
Es gibt keinen Gott
Joachim Kahl Freiberuflicher
Philosoph, Marburg
Die Gottesleugnung trifft den zentralen
Inhalt religiöser Gläubigkeit.
Joachim Kahl setzt auf rationale Argumente. Gott hinterläßt
weder in der
Freude noch im Leiden eine Spur.
Ohne Jenseits hat das Leben einen Eigenwert. Humanismus pur.
Atheist wurde ich durch mein Theologiestudium. Bereits als Ungläubiger
schloß ich es mit der Promotion zum Dr. theol. ab. Unmittelbar danach
trat ich – Vernunft – und Gewissensgründen folgend – aus der evangelischen
Kirche aus, der ich anfänglich als Pfarrer hatte dienen wollen. Der
Atheismus, für den ich in diesem Diskussionsbeitrag schreibe, ist
in seiner persönlichen Färbung das Ergebnis meiner etwa dreißigjährigen
Reflexion. In seiner inhaltlichen Substanz speist er sich aus einer jahrtausendelangen
Überlieferungsgeschichte der Religionskritik von den Anfängen
der Philosophie bis heute.
Es ist eine unwissende
Verkürzung, Religionskritik und Atheismus erst mit der europäischen
Aufklärung im 18. Jahrhundert beginnen zu lassen. Der kritische Denkimpuls,
der – staunend und zweifelnd – zur Philosophie führte, relativierte
die Opfer und Orakel der Priester, die Sprüche und Ansprüche
der Propheten. Seither ist die geistige Kultur geprägt von einer Rivalität
zwischen Wissen und Glauben, Vernunft und Offenbarung, Philosophie und
Theologie, Weltweisheit und Gottesfurcht.
Abgrenzungen
Atheismus ist Gottesleugnung
und klar zu unterscheiden von Gotteslästerung, Antitheismus, Neuheidentum
und Agnostizismus:
Gotteslästerung
oder Blasphemie, fast so alt wie der Gottesglaube selbst, ist eine unreflektierte,
emotionale Form der Religionskritik. Ein Gotteslästerer bleibt religiös
fixiert. Statt Gott zu lieben, verflucht er ihn, weil er sich in seinen
Hoffnungen enttäuscht sieht. Der Atheismus hingegen ist - jenseits
von Gotteslob und Gotteslästerung – eine entwickeltere Sufe der Religionskritik.
Psychologisch und inhaltlich verwandt mit der eifernden Art der Gotteslästerung
ist der Antitheismus, eine militante Art der Gottesbekämpfung. Während
der Atheist lediglich Gott leugnet – ihn in seiner Existenz argumentativ
bestreitet und als Phantom, als Phantasiegebilde entlarvt -, meint der
Antitheist, „Gott“ aktiv bekämpfen zu müssen. Antitheismus ist
daher verbunden mit verbiestertem Religionshaß, mit hämischer
Pfaffenfresserei. Ein Hauptbeispiel für diesen Irrweg der Religionskritik
ist die kleine Schrift „Die Gottespest“ des deutsch-amerikanischen Anarchisten
John Most vom Ende des 19. Jahrhunderts.
Der hier vorgestellte Atheismus grenzt sich weiterhin ab gegen jede Form
von Neuheidentum. Neuheidentum wärmt ältere Stufen der Religionsgeschichte
künstlich wieder auf, die durch die Entwicklung zum Monotheismus geistig
- kulturell überholt sind. Aktuelle Spielarten sind die buntscheckigen
Mischgebilde aus keltischen, germanischen, indianischen, ostastiatischen
Elementen, oft verbunden mit bizarren Bräuchen aus Hexen- und Satanskulten.
Diese vagabundierenden Formen einer „alternativen Religiosität“ –
meist in städtischen Subkulturen – werden religionswissenschaftlich
auch als Patchwork – Religiosität bezeichnet.
Eine letzte begriffliche Klärung sei durch die Abgrenzung des Atheismus
gegen den Agnostizismus herbeigeführt. Ein Agnostiker läßt
die Frage nach Gott in der Schwebe, erklärt sie theoretisch für
nicht lösbar, für rational unentscheidbar. Zwar steht er in der
Regel inhaltlich der Religion ablehnend gegenüber, aber er vermeidet
es, sich auf eine atheistische Aussage eindeutig festzulegen. So ist der
Agnostizismus – nicht zu verwechseln mit Skepsis, die der Wahrheitssuche
verpflichtet ist – eine heute weit verbreitete Haltung weltanschaulicher
Laxheit. Diese Ideologie der Denkfaulheit kleidet sich dem Atheismus gegenüber
gerne in den abgeklärten Vorwurf, auch der überzeugte Atheist
sei in Wirklichkeit einem Glauben verfallen, denn beweisbar sei weder,
daß es einen Gott gibt, noch daß es ihn nicht gibt.
Demgegenüber beansprucht der hier skizzierte Atheismus, eine sich
argumentativ herleitende theoretische Überzeugung, eine rational philosophische
Weltanschauung zu sein. Sie stützt sich auf allgemein nachvollziehbare,
insofern zwingende Gründe, auf – wenn man so will – Beweise. Der Glaube
hingegen beruft sich auf Eingebungen, Offenbarungen, Heilige Geister oder
Heilige Schriften. Sie entziehen sich eingeräumtermaßen allgemeingültiger
Nach-vollziehbarkeit, weshalb als ein weiterer – ebensowenig überprüfbarer
– Faktor oft noch die göttliche Gnade hinzukommen muß.
Der Atheismus ist eine historisch reflektierte, nach-religiöse Bewußtseinsform,
die gedanklich und emotional über den Monotheismus hinausführt,
indem sie seine ursprüngliche Logik der Entgötterung, Entweihung,
Entzauberung und Verweltlichung der Welt konsequent zu Ende führt
und gegen ihn selbst kehrt.
Das Suchen nach Sinn gehört zur Natur des Menschen, insofern er sich
als instinktarmes Lebewesen eigenständig in der Welt zrechtfinden,
geistig orientieren muß. Aber nicht jeder Sinnsucher ist ein Gottsucher,
und die spirituellen Bedürfnisse der Menschen dürfen nicht kurzschlüssig
mit religiösen gleichgesetzt werden. Zwar sind auf die Sinnfrage traditionellerweise
religiöse Antworten üblich, aber es sind eben auch nicht - religiöse,
weltlich-humanistische, atheistische Anttworten möglich. Auch die
spirituellen Bedürfnisse können eine religiöse und eine
nicht - religiöse Befriedigung erfahren. Es ist unredlich, die gemüthaften
Bedürfnisse, die Verstand und Gefühl umgreifen – das Verlangen
nach Sinn, Halt Trost und Mut im Leben-, flugs religiös zu verinnahmen.
Es gilt schlicht zur Kenntnis zu nehmen, daß alle spirituellen Tätigkeiten
und Vorgänge, wie Erleuchtung und Versenkung, Meditation und Kontemplation,
ja selbst die Mystik, keine ausschließliche Domäne der Religion
sind, sondern auch weltlich-philosophische Spielarten kennen, die durchaus
in einem atheistischen Lebensentwurf ihren Stellenwert haben können.
Die zwei Säulen
des Atheismus
Der hier entwickelte undogmatische Atheismus beanstprucht, den Gottesglauben
von innen heraus aufzulösen, ihn an seinen inneren Widersprüchen
und Ungereimtheiten scheitern zu lassen. Damit wird die religionskritische
Schlüsselaufgabe bewältigt, weil im Gottesbegriff alle weiteren
Glaubensinhalte letztlich verankert sind.
Die beiden Säulen
des Atheismus lauten:
1. Es gibt keinen Gott, der die Welt erschaffen hat. Die Welt ist
keine Schöpfung, sondern unerschaffen unerschaffbar, unzerstörbar,
kurz: ewig und unendlich. Sie entwickelt sich unaufhörlich gemäß
den ihr innewohnenen Gesetzmäßigkeiten, in denen sich Notwendiges
und Zufälliges verschränken.
2. Es gibt keinen göttlichen Erlöser. Die Welt ist unerlöst
und unerlösbar, voller Webfehler und struktureller Unstimmigkeiten,
die aus der Bewußtlosigkeit ihrer Gesetzmäßigkeiten herrühren.
Für eine atheistische Weltweisheit und Lebenskunst ergibt sich aus
diesen Einsichten die Schlußfolgerung: Der
Mensch ist nicht das Ebenbild einer überweltlichen und übernatürlichen
Gottheit, sondern ein vorbildloses Geschöpf der Natur, all
ihren Gesetzen unterworfen. In einer Welt, die nicht für ihn gemacht
wurde, muß er sich seinen Weg selbst Bahnen und lernen, allem verderblichen
Allmachts- und Unsterblichkeitswahn zu entsagen. Atheismus ist der Abschied
von jeglicher Heilslehre und Heilshoffnung, freilich auch von jeglicher
Unheilslehre und Untergangsprophetie, mögen sie sich auf ein illusionäres
Jenseits oder auf das Diesseits beziehen. Menschliches
Leben heißt: sich für eine kurze Zeitspanne erträglich
einrichten auf einem Staubkorn im Weltall – mit Würde
und Anstand und Humor. Vielleicht
gelingt es doch noch den Erdball bewohnbar zu gestalten !? Die gesellschaftlichen
Verhältnisse lassen sich jedenfalls schrittweise verbessern. Universale
Gerechtigkeit und die Versöhnung von Mensch und Natur bleiben allerdings
unerreichbar. Himmel und Hölle, Paradies und Verdammnis sind religiöse
Trugbilder, keine atheistischen Leitideen.
Die beiden Säulen des Atheismus haben den gleichen theoretischen Rang,
sie charakterisieren zwei unterschiedliche Argumentationsfiguren, die eine
metaphysische und eine empirische Widerlegung des Gottesglaubens liefern.
Der empirische Beweis zielt auf den unerlösten, elenden Zustand der
Welt, das herzzerreißende, unschuldige Leiden und Sterben von Tier
und Mensch, die mit dem Glauben an einen zugleich allgütigen, allwissenden,
allwirksamen und allmächtigen Gott nicht vereinbar sind. Der Atheismus
findet seine eigentliche Begründung in der Wirklichkeit selbst, in
der blut- und tränengetränkten Geschichte des Tier- und Menschenreiches.
Wie kann ein angeblich liebender Gott, bei dem kein Ding unmöglich
ist, die Lebewesen, die er doch geschaffen hat, so unsäglich leiden
lassen ? Entweder er ist nicht allmächtig und kann die Leiden nicht
verhindern, oder er ist nicht allgütig und will die Leiden nicht verhindern.
Auf diese Zwickmühle innerhalb des Gottesglaubens hat erstmals der
griechische Philosph Epikur um 300 vor unserer Zeitrechnung in aller begrifflichen
Klarheit aufmerksam gemacht. An Epikurs Religionskritik anknüpfend
hat viel später der deutsche Dichter Georg Büchner das Leiden
eindrucksvoll als den „Fels des Atheismus“ bezeichnet. In dem berühmten
„Philosophengespräch“ seines Dramas „Dantons Tod“ heißt es:
„Schafft das Unvollkommene weg, dann allein könnt Ihr Gott demonstrieren
... Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz ... Warum leide
ich ? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes,
und rege es sich in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung
von oben bis unten.“
Aber auch angenommen,
es gäbe dermaleinst tatsächlich einen seligen Zustand, wie ihn
die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament (21,4) verheißt,
daß Gott abwischen wird alle Tränen und es keinen Tod und kein
Leid und keinen Schmerz und kein Geschrei mehr geben wird: Wäre damit
der schnöde Atheismus eines besseren belehrt und stünde Gott
gerechtfertigt da ? Nein, denn die Erlösung im Jenseits kommt immer
zu spät, Sie kann nicht im geringsten ungeschehen machen, was zuvor
geschehen ist. Die Unumkehrbarkeit der Zeit ist die unüberschreitbare
Grenze jeder Allmachtsidee. Kein Erdbeben-, Kriegs-, Folter-, Mord-, Krebs-,
oder Verkehrs-Opfer wird verhütet durch religiöse Erlösungsversprechen.
In welchem annehmbaren Sinn sollte erfahrenes Leid je wieder gutgemacht
werden können ? Das liebenswerte Sehnsuchtsbild einer vollendeten
Gerechtigkeit, einer universalen Versöhnung bleibt unerfüllbar,
weil selbst bei einer jenseitigen Kompensation das zuvor Geschehene nie
ungeschehen gemacht werden kann.
Hinzu kommt, daß im Neuen Testament (um im christlichen Bereich zu
bleiben) der Erlösung ohnehin nur eine Minderheit der Menschen teilhaftig
wird: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“, heißt
es im Matthäus-Evangelium (22,14). Unmittelbar nach dem zitierten
Wort aus der Offenbarung des Johannes wird den „Ungläubigen“, „Abgöttischen“
und „Hurern“ die ewige Qual in „Feuer und Schwefel“ angedroht (21,8).
Und: Wenn Gott überhaupt einen Zustand ohne Schmerz und Leid schaffen
kann, warum dann erst so spät und nicht von Anfang an ? Warum zuvor
die eigenen Geschöpfe durch ein Meer von Blut und Tränen waten
lassen ? Die nüchterne Antwort kann nur lauten: Statt die Wirklichkeit
zu verrätseln und sich in „Gottes unerforschliche Ratschlüsse“
zu flüchten, ist redlich einzuräumen: Es gibt keinen Gott. Ohne
Gottglauben ist die Wirklichkeit bitter, aber mit Gottglauben ist sie bitter
und absurd.
Die zweite Säule des Atheismus bestreitet nicht Gott den Erlöser,
sondern Gott den Schöpfer. Sie argumentiert nicht empirisch, sondern
metaphysisch, das heißt: Sie überschreitet den Bereich
des Erfahrbaren und greift in jenen Teil der Wirklichkeit hinüber,
der sich allein dem abstrakten Gedanken erschließt. Die hier vorausgesetzte
Metaphysik ist eine Metaphysik ohne Goldgrund, eine nicht - religiöse,
philosophische Theorie des Weltganzen. Erklärter- und unvermeidlicherweise
verläßt sie den Bereich des empirisch Gegebenen, ohne freilich
den Boden der Rationalität zu verlassen. Sie entschwindet nicht in
eine „höhere Welt“, sondern denkt, was nicht sinnlich faßbar,
aber denknotwendig ist: die Welt als Gesamtzusammenhang, als Verschränkung
von Teil und Ganzem, von Relativem und Absolutem. Der Glaube, daß
ein Gott die Welt erschaffen hat, läßt sich durch Überlegungen
der folgenden Art von innen her entkräften.
Als erstes ist zu fragen: Was tat Gott vor der Erschaffung der Welt,
wenn die Schöpfertätigkeit zu seinen ewigen und unveräußerlichen
Wesensmerkmalen zählen soll ? Lag seine Schöpferkraft vorher
brach ? Weshalb wurde sie auf einmal tätig ? Offenbar hat sich Gott
gewandelt, obwohl doch die Unwandelbarkeit zu seinen klassischen Attributen
gehört. Wenn er sich aber gewandelt hat, ist er der Zeit unterworfen.
Es gab also eine Phase, in der Gott noch nicht der Schöpfer war. Der
Gedanke eines ewigen Schöpfers, der irgendwann eine zeitlich begrenzte
Welt geschaffen haben soll, ist logisch nicht widerspruchsfrei zu denken.
Das hat den Philosophen Johann Gottlieb Fichte zu der schroffen Bemerkung
veranlaßt, „die Annahme einer Schöpfung“ sei „der absolute Grundirrtum
aller falschen Metaphysik“. Durch sie werde „das Denken in ein träumendes
Phantasieren verwandelt“ („Die Anweisung zum seligen Leben“, Sechste Vorlesung).
Der zweite Kritikpunkt erwächst aus der Frage: Warum hat Gott
überhaupt die Welt geschaffen, obwohl er doch ein in sich selbst vollkommenes
Wesen sein soll, das in seiner Majestät keines anderen bedarf ? Die
biblische Antwort – Gott schuf sich die Welt als sein Gegenüber und
den Menschen als sein Ebenbild – provoziert unvermeidlich den Einwand:
Da Gott nichts Sinnloses tut, muß ihm vorher etwas gefehlt haben.
Wenn er aber ein Gegenüber brauchte, weil er einen Mangel litt, war
er nicht in sich vollkomen. Schöpfertum und Vollkommenheit schließen
sich aus. Das ergibt sich auch aus dem religiös - liturgischen Dauerappell,
die Geschöpfe sollten ihren Schöpfer lobpreisen, verherrlichen,
anbeten, ihm danken und vor ihm auf die Knie fallen.
Diese Ermahnungen,
die ihren Ursprung in patriarchalisch-despotischen Verhältnissen nicht
verleugnen können – hier der absolute Herrscher, dort die demütigen
Untertanen-, beweisen erneut: Der Schöpfergott verzichtet ungern auf
das Halleluja seiner Geschöpfe. Ein Zeichen innerer und äußerer
Unabhängigkeit, gar Vollkommenheit ist das kaum.
Um sich als Schöpfer zu beweisen, bedarf Gott der Welt; die Welt bedarf
Gottes nicht. Sie besteht aus sich selber, ungeworden und unvergänglich,
freilich auch völlig gleichgültig gegenüber dem Wohl und
Wehe ihrer Geschöpfe.
Eine letzte Überlegung betrifft das Verhältnis von Geist und
Materie. Der Schöpfungsglaube behauptet, ein reiner Geist habe etwas
Nicht-Geistiges, Materielles hervorgebracht. Hier wird uns erneut ein Opfer
des Verstandes, der Glaube an ein Wunder, zugemutet. In Wahrheit verhält
es sich umgekehrt: Geist ist ein reifes Entwicklungsprodukt langwierigster
materieller Vorgänge unter günstigsten Bedingungen. Geist ist
gebunden an hochkomplexe Gehirnstrukturen. Deren Beschädigung beschädigt
auch den Geist, deren Absterben führt auch zum Absterben des Geistes.
Poesie des Atheismus
Der Vorgang der Entzauberung, der mit dem Atheismus in der Tat einhergeht,
befreit die Welt von allem faulen Zauber, berührt aber nicht den ihr
innewohnenden wirklichen Zauber. Der Dichter Gottfried Keller hat dies
nach seiner Begegnung mit dem atheistischen Denker Ludwig Feuerbach in
einem Brief so formuliert: „Wie trivial erscheint mir gegenwärtig
die Meinung, daß mit dem Aufgeben der sogenannten religiösen
Ideen alle Poesie und erhöhte Stimmung aus der Welt verschwinde !
Im Gegenteil ! Die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer geworden,
das Leben ist wertvoller und intensiver, der Tod ernster, bedenklicher
und fordert mich nun erst mit aller Macht auf, meine Aufgabe zu erfüllen
und mein Bewußtsein zu reinigen und zu befriedigen, da ich keine
Aussicht habe, das Versäumte in irgendeinem Winkel der Welt nachzuholen.“
Um dem Zerbild zu wehren, Atheismus sei eine zwar aufgeklärte, aber
gefühlsarme Weltanschauung, sei zum Abschluß ein Gedicht zitiert.
Es stammt ebenfalls von Gottfried Keller:
Ich hab in
kalten Wintertagen
In dunkler, hoffungsarmer
Zeit
Ganz aus dem
Sinne dich geschlagen,
O Trugbild der
Unsterblichkeit.
Nun da der Sommer
glüht und glänzet,
Nun seh ich,
daß ich wohlgetan !
Aufs neu hab
ich das Haupt bekränzet,
Im Grabe aber
ruht der Wahn.
Ich fahre auf
dem klaren Strome,
Er rinnt mir
kühlend durch die Hand,
Ich schau hinauf
zum blauen Dome
Und such – kein
beßres Vaterland.
Nun erst
versteh ich, die da blühet,
O Lilie, deinen
stillen Gruß:
Ich weiß,
wie sehr das Herz auch glühet,
Daß ich
wie du vergehen muß !
Seid mir gegrüßt,
ihr holden Rosen,
In eures Daseins
flücht’gem Glück !
Ich wende mich
vom Schrankenlosen
Zu euerer Anmut
froh zurück !
Zu glühn,
zu blühn und ganz zu leben,
Das lehret euer
Duft und Schein,
Und willig dann
sich hinzugeben
Dem ewigen Nimmerwiedersein
!
Literaturhinweis:
Joachim Kahl: Das Elend des Christentums
oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott, Rowohlt-Verlag,
Reinbek bei Hamburg, Erstveröffentlichung 1968, erweiterte Neuausgabe
1993.
(Emails an Joachim Kahl bitte nicht an mich, sondern an: hu-marburg@t-online.de )
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