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Jans Geheimnis

Als einem gläubigen Christ war meinem Freund Jan die Bestrafung der Sünder durch Gottes Höllenfeuer schon immer zuwider. Er sträubte sich sehr dagegen - es paßte nicht in sein Bild des gnädigen, liebenden Gottes. So war es nur eine Frage der Zeit, bis Jan auf die wirkliche Lösung des Problems stieß, das doch schon soviele Menschen vor ihm beschäftigt hatte:
Bei einem bedeutsamen Gespräch mit seinen Freunden, in dem die Ungerechtigkeit der Strafen diskutiert wurde, mußte er feststellen, daß Strafe selbst nur eine Form von Gegenaggression ist, die - weil sie sich der besten (und dennoch nur einer fadenscheinigen) Begründung bedient - es Menschen ermöglicht, ihre Aggressionen auf gesellschaftskonformen Wege auszuleben; ja sie stellt sogar eine Form von Aggressionsgerechtigkeit wieder her, die verloren ging, als der Verbrecher es wagte, seine ganz persönliche Aggression einseitig gegen die Gesellschaft auszuleben - die Bestrafung der Verbrecher also nur die Entschädigung für eigenes gesellschaftskonformes Verhalten darstellt!
Auch erkenntnistheoretisch begann Jan, Strafen in einem neuen Licht zu sehen - war der Mensch überhaupt frei, sich für ein ehrliches oder unehrliches Leben zu entscheiden? Würde nicht jeder Mensch, der erneut in exakt dieselbe Situation, die ihn zur Straftat verführte, geriete, auch exakt dieselbe Entscheidung treffen; war das Schicksal eines Verbrechers also nicht schon vorbestimmt?
Ob dieser Erkenntnisse sah Jan sich zuerst genötigt, alle Form von Strafen in Frage zu stellen, was auf nicht geringen Widerspruch in den Reihen seiner Freunde stieß: Fiele die Gegenaggression weg - so deren Befürchtung - geriete die Gesellschaft vollkommen aus den Fugen.
Doch er ließ nicht locker: Wer nehme, so argumentierte er, denn heute noch aktiv an der Bestrafung der Straftäter teil? Allein die Tatsache, von einer Bestrafung zu erfahren, sei den meisten Menschen Ausgleich genug! Solange nur der Schein gewahrt bliebe und in den ehrlichen und unehrlichen Teilen der Bevölkerung der feste Glaube an Strafen vorherrschte... - der Gedanke war fast zu erschreckend, um ihn zu Ende zu denken.
[...hier lasse ich einen Textteil weg, der zum weiteren Verständnis nicht ganz überflüssig ist...]
Wieso sollte es Gott nicht genauso machen? Für Jan stand nun fest: anstatt ewiger Höllenstrafen wartete auf alle Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts in Wirklichkeit das Paradies. Aber sollten das alle Menschen wissen?
Natürlich bat Jan uns alle, auch mich, diesen Gedanken zu verschweigen - aber ich (bekanntermaßen ein Atheist) hatte keine Bedenken, einem nichtexistenten Gott sein Lebenswerk zu zerstören; also beschloß ich, das Geheimnis zu verraten, was ich jetzt getan habe. Eine nennenswerte Reaktion aus der Bevölkerung erwarte ich nicht - sofern ich nicht anfange, Jans Entdeckung lauthals zu predigen.

Rückzieher zum Index oder zu den Zusammenfassungen .